15 Jahre Runder Tisch der Religionen in Marburg

Im Jahr 2006 grün­de­te sich in Mar­burg der Run­de Tisch der Reli­gio­nen – das Inter­es­se war groß, die Skep­sis nicht klein. Ange­hö­ri­ge ver­schie­de­ner Reli­gio­nen woll­ten sich zusam­men­set­zen, sich aus­tau­schen, mit­ein­an­der reden, ein­an­der ver­ste­hen ler­nen. Wel­che Bilanz zie­hen die Betei­lig­ten nach 15 Jah­ren? Wel­che Rele­vanz mes­sen sie der Insti­tu­ti­on selbst bei? Wo sehen sie die Bedeu­tung des Run­den Tisches in der Zukunft?

„Es geht dar­um, Räu­me zu öff­nen“, sagt Joa­chim Simon, Pfar­rer an der Mar­bur­ger Uni­ver­si­täts­kir­che. Und damit sind längst nicht nur die Räu­me gemeint, in denen die Ange­hö­ri­gen der ver­schie­de­nen Reli­gio­nen beten. Auch die Räu­me im Kopf. Die Räu­me im Glau­ben, im Den­ken. Und sämt­li­che Teil­neh­mer des Run­den Tisches nicken. Sie sind für ein Inter­view zusam­men­ge­kom­men und das nicht an einem Tisch, son­dern über eine Video-Kon­fe­renz. Coro­na hat die Mög­lich­kei­ten des Dia­logs auch für sie limi­tiert. Kon­takt gehal­ten haben sie den­noch. Sich aus­ge­tauscht. Die nächs­ten Ver­an­stal­tun­gen geplant. Im August haben ein Frie­dens­fo­rum zum Anti­kriegs­tag und ein Dis­kus­si­ons­abend statt­ge­fun­den, für den 2. Okto­ber ist der Frie­dens­weg der Reli­gio­nen vorgesehen.

Vor 15 Jah­ren war der „Run­de Tisch der Reli­gio­nen“ im Anschluss an die inter­na­tio­na­len Rudolf-Otto-Sym­po­si­en der Mar­bur­ger Phil­ipps-Uni­ver­si­tät gegrün­det wor­den. Pfar­rer Diet­rich Han­nes Eibach, der Mar­burg inzwi­schen ver­las­sen hat, und Pro­fes­sor Dr. Hans-Mar­tin Barth waren die Initia­to­ren. „Es gab ein gro­ßes reli­giö­ses Inter­es­se anein­an­der“, sagt Barth, der bis heu­te am Run­den Tisch teil­nimmt. „Oft bin ich sehr bewegt von unse­ren Sit­zun­gen nach Hau­se gegan­gen – das ist für mich eine Bibel­stun­de der höhe­ren Art.“ Neben den evan­ge­li­schen Chris­ten aus der Uni­ver­si­täts­kir­che sind auch Ange­hö­ri­ge der Isla­mi­schen und der Jüdi­schen Gemein­de, der Bahá‘í‑Religion und des Bud­dhis­ti­schen Sham­ba­la-Zen­trums ver­tre­ten – eine gro­ße Spann­brei­te mit ordent­lich Konfliktpotential.

Die Teil­neh­mer bestä­ti­gen, dass die ers­ten Zusam­men­künf­te eine vor­sich­ti­ge Annä­he­rung waren. Und die The­men zunächst bewusst eher an der Ober­flä­che blie­ben. „Es ging und geht dar­um, ein­an­der ken­nen­zu­ler­nen – was der ande­re glaubt, denkt und fühlt“, erläu­tert Hans-Mar­tin Barth. Begon­nen hat alles zum Bei­spiel mit der Dis­kus­si­on über Sym­bo­le, die allen Reli­gio­nen gemein­sam sind. Man besuch­te sich gegen­sei­tig, in der Moschee, der Syn­ago­ge. „Es war wich­tig, Ängs­te able­gen zu kön­nen“, sagt Kel­ly Hern­don aus der Bahá’í‑Gemeinde. „Und das war nur mög­lich, weil alle authen­tisch mit­ein­an­der waren.“ Sie sieht in ihrem Enga­ge­ment für den „Run­den Tisch“ auch eine Erfül­lung ihrer reli­giö­sen Pflich­ten. Die Glau­bens­rich­tung der Bahá’í begreift die gan­ze Erde und alle Men­schen als Ein­heit. Ein lie­be­vol­ler Umgang und das Gespräch mit­ein­an­der ist für Kel­ly Hern­don ein Weg, zu reli­giö­sem Frie­den in Mar­burg bei­zu­tra­gen, wie sie sagt. Und die Ein­rich­tung des „Run­den Tisches“ sei etwas, wor­um man sie in ande­ren Städ­ten beneide.

„Wir sind uns von Anfang an auf Augen­hö­he begeg­net“, betont Dr. Bil­al El-Zayat von der Isla­mi­schen Gemein­de. „Der Dia­log war zwi­schen­durch hef­tig, aber immer ehr­lich.“ Je mehr Ver­trau­en wuchs, des­to mehr konn­te man auch the­ma­tisch in die Tie­fe gehen, bestä­ti­gen die ande­ren Teil­neh­mer. Für Joa­chim Simon, der seit zwei Jah­ren am „Run­den Tisch“ teil­nimmt, war es eine posi­ti­ve Über­ra­schung, dass auch Streit mög­lich war und ist. Sei­ne Frau Kat­ja, Stu­di­en­lei­te­rin in der EKKW, war beein­druckt von der Offen­heit der Gesprä­che. Und sieht eine Auf­ga­be in der Bezie­hungs- und Netz­werk­ar­beit. „Reli­gio­nen kön­nen nicht mit­ein­an­der reden, nur Men­schen kön­nen das“, sagt sie. Ein­an­der ver­ste­hen ler­nen sei ein zen­tra­ler Punkt. Und das nicht nur an einem Tisch, in der Moschee, in der Kir­che, in ande­ren reli­giö­sen Räu­men, son­dern auch dar­über hin­aus. Bil­dungs- und Auf­klä­rungs­ar­beit gehö­ren für sie eben­falls zu den Auf­ga­ben des „Run­den Tisches“.

Preisverleihung

Ver­lei­hung des Bun­des­prei­ses für den „Frie­dens­weg der Reli­gio­nen“, Novem­ber 2012 in Mainz

„Was wir tun, hat auch mit Empower­ment zu tun“. ergänzt Moni­ka Bunk von der Jüdi­schen Gemein­de. „Wir ste­hen ja auch als Gesprächs­part­ner zur Ver­fü­gung und das wür­de ich als Auf­trag für uns defi­nie­ren.” Das Selbst­ver­ständ­nis des „Run­den Tisches“ ist nach 15 Jah­ren ein gro­ßes The­ma für die Betei­lig­ten. Dass es kei­ne Hier­ar­chien gibt, ist laut Burk­hard zur Nie­den, Dekan des Mar­bur­ger Kir­chen­krei­ses. sowohl „Geschenk und Kom­pe­tenz“, als auch eine rela­ti­ve Schwä­che. „Wir sind ein anar­chis­ti­scher Hau­fen”, erklärt Bil­al El-Zayat schmun­zelnd. Es gibt kei­ne typisch deut­sche Sat­zung, die Insti­tu­ti­on ist kein Ver­ein. „Das ist vor­teil­haft für die Inte­gra­ti­on, aber zum Teil kön­nen wir dadurch einem poli­ti­schen Anspruch nicht gerecht wer­den“, sagt Burk­hard zur Nie­den. Und man wer­de zuneh­mend poli­ti­scher wahr­ge­nom­men. Es kom­men Anfra­gen zu State­ments. Bit­ten um Inter­views. Das sehen die Betei­lig­ten durch­aus zwie­späl­tig. „Wir könn­ten noch mehr Strahl­kraft haben“, erklärt Bil­al El-Zayat, „aber es war nie unser Anspruch, PR zu betrei­ben.“ 

„Effi­zi­enz­druck wür­de uns nicht gut bekom­men“, stellt Hans-Mar­tin Barth fest. Die Arbeit am „Run­den Tisch“ habe ganz klar poli­ti­sche Aus­wir­kun­gen, aber das soll­te sei­ner Ansicht nach nicht das Ziel sein. Der Fokus liegt auf dem Mit­ein­an­der. Auch wenn es auto­ma­tisch eine poli­ti­sche Ebe­ne gene­rie­re, sei die spi­ri­tu­el­le Ebe­ne aus­schlag­ge­bend. „Die Arbeit mit Spi­ri­tua­li­tät stärkt“, bekräf­tigt Peter Mei­nig-Bue­ss vom Shambha­la-Zen­trum. „Und wir kön­nen Soli­da­ri­tät unter­ein­an­der gebrau­chen.“ Nach sei­ner Ein­schät­zung herr­sche eine gro­ße „Aggres­si­ons­lo­sig­keit” in Mar­burg. Aber Freund­schaft und Kom­mu­ni­ka­ti­on zu pfle­gen, das begin­ne im Klei­nen, bei jedem selbst — „in der Fami­lie, in Freund­schaf­ten, in der eige­nen Gemein­de“, so Meinig-Buess.

Den ande­ren Men­schen und auch die ande­re Reli­gi­on zu ach­ten und zu schät­zen, das ist für Bil­al El-Zayat grund­le­gend. „Es geht nicht ums Mis­sio­nie­ren oder ande­re vom eige­nen Glau­ben über­zeu­gen zu wol­len“, erklärt er. „Die Viel­falt ist bereichernd.“

Joa­chim Simon resü­miert, man sei schon weit gekom­men. Die frem­den Räu­me der ande­ren Gemein­den emp­fin­det er längst nicht mehr als fremd. Er wünscht sich, dass eine Öff­nung der Räu­me künf­tig auch ande­ren Men­schen mehr ange­bo­ten wer­den kann. Eine „Got­tes­er­fah­rung“ kön­ne man als Gläu­bi­ger über­all machen. Sei­ne Frau Kat­ja ant­wor­tet auf die Fra­ge, was sie sich für die Zukunft wünscht, regel­mä­ßi­ge Ange­bo­te im Bereich inter­re­li­giö­ser Kul­tur. „Wenn ich träu­men durf­te, wür­de ich mir mehr inter­re­li­giö­se Got­tes­diens­te wün­schen“, sagt sie. Hans-Mar­tin Barth wür­de gern mehr jun­ge Leu­te dafür gewin­nen, sich für ande­re Reli­gio­nen zu inter­es­sie­ren. Die Fra­ge sei, wie man mit reli­gi­ös Des­in­ter­es­sier­ten stär­ker ins Gespräch kom­men kön­ne. Ins­be­son­de­re in einer Gesell­schaft, in der Spi­ri­tua­li­tät immer mehr an Bedeu­tung verliere.

Bil­al El-Zayat bestä­tigt, dass der Glau­be an Gott zuneh­mend „uncool“ sei für jun­ge Men­schen. Und das trifft vor allem die klei­ne­ren Reli­gio­nen. Umso wich­ti­ger ist für ihn der Dia­log und das Mit­ein­an­der. „Wir müs­sen auf­ein­an­der acht­ge­ben und dür­fen uns nicht gegen­sei­tig scha­den”, betont er. Wenn heu­te ein Anschlag auf eine Syn­ago­ge ver­übt wer­de, dann sei es nur eine Fra­ge der Zeit, bis es auch eine Moschee tref­fe. „Egal, ob man ein Kreuz oder ein Kopf­tuch ver­bie­tet — es wird gegen uns alle gehen“, mahnt El-Zayat. Dass unter Coro­na und den not­wen­di­gen Maß­nah­men die gewohn­ten Abläu­fe sowohl inner­halb der jewei­li­gen Glau­bens­rich­tun­gen und Gemein­den wie auch im Aus­tausch unter­ein­an­der weg­bra­chen, hat alle glei­cher­ma­ßen getrof­fen. „Wir wer­den uns wie­der zusam­men­set­zen und sehen, wie wir uns hel­fen kön­nen“, kon­sta­tiert Hans-Mar­tin Barth. Zuver­sicht als Grundsatzprinzip.

Nadi­ja Schwarz­wäl­ler, Kir­che in Mar­burg 10/21

(Foto: Jörg Rustmeier)

 

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