Karl Bernhard Ritter, 1925 bis 1960 Pfarrer der Universitätskirche

Karl Bern­hard Rit­ter um 1925 (Foto: privat)

Karl Bernhard Ritter, 1925 bis 1960 Pfarrer der Universitätskirche

Karl Bern­hard Rit­ter (1890–1968) kam genau vor 100 Jah­ren, näm­lich am 1. Febru­ar 1925, als Pfar­rer an die Uni­ver­si­täts­kir­che in Mar­burg und betrieb maß­geb­lich das Ver­ei­ni­gungs­pro­jekt der bei­den evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­den — der „luthe­ri­schen” mit der Pfarr­kir­che und der Eli­sa­beth­kir­che und der „refor­mier­ten” der Uni­ver­si­täts­kir­che -, das dann doch „noch nicht” zustan­de kam. Spä­ter, von 1952 bis zum Ruhe­stand im Jahr 1960, amtier­te er als Dekan des evan­ge­li­schen Stadt­kir­chen­krei­ses. Gäbe es nicht schon eine Rit­ter­stra­ße, müss­te eigent­lich eine Stra­ße nach ihm hei­ßen, denn er hat die Geschi­cke der evan­ge­li­schen Gemein­den in Mar­burg in schwe­ren Zei­ten weg­wei­send mit­be­stimmt. Mit der Reno­vie­rung zum Jubi­lä­um 1927 hat Rit­ter zunächst die Uni­ver­si­täts­kir­che blei­bend geprägt. In den Ent­schei­dungs­jah­ren 1933/34 trat er als uner­schro­cke­ner Geg­ner des Natio­nal­so­zia­lis­mus her­vor und führ­te die „Beken­nen­de Kir­che” von Kur­hes­sen-Wal­deck. Nach 1945 betei­lig­te sich Rit­ter an der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on der evan­ge­li­schen Gemein­den in Mar­burg. Vor allem aber gab er nach­hal­ti­ge Impul­se zur Erneue­rung der Got­tes­dienst­kul­tur und zur öku­me­ni­schen Öff­nung der Pro­tes­tan­ten. Bei ihm ver­bin­den sich ein tie­fes Ver­ständ­nis von „Kir­che” und „Lit­ur­gie” mit der prak­ti­schen Fähig­keit, Struk­tu­ren neu zu ord­nen und kon­kre­te „Kir­chen­po­li­tik” zu machen. Die Erin­ne­rung an sein viel­fäl­ti­ges Wir­ken, das eben vor 100 Jah­ren begann, wirft ein erhel­len­des Licht auf gegen­wär­ti­ge Herausforderungen.

Universitätsjubiläum 1927 und Neugestaltung der Kirche


Chor­raum heu­te (Foto: J. Rust­mei­er) [PDF]

Rit­ter stamm­te aus einer hes­si­schen Pfar­rer- und Gelehr­ten­fa­mi­lie, die nach­weis­lich den berühm­ten Refor­ma­tor Phil­ipp Melan­chthon und (angeb­lich) auch die Hl. Eli­sa­beth von Thü­rin­gen selbst zu ihren Vor­fah­ren zähl­te. Bekannt in der Welt der Wis­sen­schaft ist sein Bru­der Ger­hard Rit­ter (1888–1967), der als His­to­ri­ker in Frei­burg lehr­te. Dass Karl Bern­hard Rit­ter 1925 nach Mar­burg kam, erwies sich für die „Refor­mier­te Pfarr‑, Gar­ni­sons- und Uni­ver­si­täts­kir­che” als Glücks­fall. Das gro­ße Jubi­lä­um der Grün­dung der ältes­ten pro­tes­tan­tisch gepräg­ten Uni­ver­si­tät Euro­pas im Jahr 1527 stand bevor und ihre Kir­che, auch ein archi­tek­to­ni­sches Wahr­zei­chen der Stadt, war reno­vie­rungs­be­dürf­tig. Rit­ter ver­füg­te über bes­te Bezie­hun­gen, weil er vor­her auch Mit­glied des Preu­ßi­schen Land­tags gewe­sen war. Tat­säch­lich wur­den für das Jubi­lä­um 1927 nicht nur Mit­tel etwa für den Bau des Kunst­mu­se­ums in der Bie­gen­stra­ße bewil­ligt, son­dern auch für die Universitätskirche.

Rit­ter nutz­te die Chan­ce, ihr Inne­res, das bis dahin kei­ner­lei bild­li­che Dar­stel­lun­gen, nicht ein­mal ein ein­fa­ches Kreuz auf­wies, nach eige­nen, frei­lich ganz beson­de­ren Ideen neu zu gestal­ten. Seit der Reno­vie­rung 1926/27 wird der licht­erfüll­te Chor­raum der Uni­ver­si­täts­kir­che bestimmt durch den Orgel­pro­spekt und vor allem durch den gold­far­be­nen Lett­ner, der den Weg des Hei­lands in acht Sze­nen von der Ankün­di­gung sei­ner Geburt an Maria bis zur Aus­gie­ßung sei­nes Geis­tes über die Kir­che an Pfings­ten dar­stellt. Das hoch­ra­gen­de Kreuz ver­bin­det die Jesus-Geschich­te mit dem Altar­tisch, der vom Tauf­brun­nen und der Kan­zel flan­kiert wird. So kommt zum Aus­druck: Quel­le des Lebens der Kir­che ist die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums und die Fei­er von Tau­fe und Abendmahl.

Kirche für eindrückliche Gottesdienste

Bereits in der Neu­en Kir­che des „Deut­schen Doms” im Zen­trum Ber­lins hat­te Rit­ter, der durch die Jugend­be­we­gung geprägt war, mit ver­schie­de­nen neu­en For­men des Got­tes­diens­tes expe­ri­men­tiert. Ein evan­ge­li­scher Got­tes­dienst soll­te nicht ein­sei­tig durch den Pre­digt­mo­no­log bestimmt sein, son­dern die Gemein­de­glie­der ganz­heit­lich anspre­chen und ein­be­zie­hen. Rit­ter for­mu­lier­te dar­um neue Gebe­te, ent­warf Sprech­mo­tet­ten und Sze­nen für geist­li­che Spie­le. Leben­di­ger Gesang spiel­te eine wich­ti­ge Rol­le. Rit­ter ent­deck­te auch die dra­ma­ti­sche Kraft der Lit­ur­gie der Kir­che (wie­der), mit der die „refor­mier­te” Tra­di­ti­on, der er eigent­lich ange­hör­te, gebro­chen hat­te. Ange­lei­tet von dem ursprüng­lich römisch-katho­li­schen Mar­bur­ger Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Fried­rich Hei­ler (1892–1967) beschäf­tig­te sich Rit­ter als ers­ter evan­ge­li­scher Theo­lo­ge über­haupt mit der tief­grün­dig-sym­bol­rei­chen „Oster­nacht” der Alten Kir­che, mit den Tag­zei­ten­ge­be­ten und der Fei­er der „Mes­se”. Ihm lag dar­an, die bei­den Sakra­men­te Abend­mahl und Tau­fe in der evan­ge­li­schen Kir­che wie­der ein­drück­li­cher zu fei­ern. Nach Rit­ters Über­zeu­gung soll­te auch für Pro­tes­tan­ten anschau­li­cher, sin­nen­haf­ter und bewe­gen­der erfahr­bar wer­den, wie das ret­ten­de Wort Chris­ti Men­schen erreicht, ihnen Heil zuspricht und Segen schenkt. Er ent­warf dafür hilf­rei­che neue „Ord­nun­gen” und griff auch auf den rei­chen Schatz der ost- und west­kirch­li­chen Tra­di­ti­on zurück. Rit­ter, des­sen Haupt­werk „Die eucha­ris­ti­sche Fei­er” 1961 als Buch erschien, woll­te ohne Scheu­klap­pen von der Öku­me­ne ler­nen. Er trug so zur Ver­stän­di­gung unter den Kon­fes­sio­nen bei — in einer Zeit, als vie­le in der evan­ge­li­schen Kir­che dies noch mit Arg­wohn betrachteten.

Rit­ters Arbeits­pen­sum war enorm. Neben der Gemein­de sowie der Stu­den­ten­seel­sor­ge und den dazu­ge­hö­ren­den Vor­le­sun­gen für Hörer aller Fakul­tä­ten betei­lig­te er sich in ver­schie­de­nen Gre­mi­en und Gesprächs­krei­sen, in denen eine Reform der seit 1919 von den Fes­seln des Staa­tes gelös­ten Kir­che ver­han­delt wur­de. Es ging nicht nur dar­um, wie sich die zer­split­ter­ten hes­si­schen Kir­chen ver­ei­ni­gen soll­ten, son­dern beson­ders auch dar­um, wie Kir­che in ihrem eige­nen Wesen erkenn­bar und neu erfahr­bar wird. Rit­ter enga­gier­te sich des­halb vor allem in der „Ber­neu­che­ner Bewe­gung”. Die aus ihr her­vor­ge­hen­de Evan­ge­li­sche Micha­els­bru­der­schaft wur­de 1931 in der Kreuz­ka­pel­le der Uni­ver­si­täts­kir­che gegrün­det. Ihr ver­dan­ken sich nach­hal­ti­ge Impul­se im Bereich der Got­tes­dienst­pra­xis und der öku­me­ni­schen Theo­lo­gie. Dazu und zu den The­men Spi­ri­tua­li­tät und Medi­ta­ti­on ver­fass­te Rit­ter selbst zahl­rei­che Schriften.

Kirche und Extremismus

Da die DNVP, die natio­nal­kon­ser­va­ti­ve Par­tei, der Rit­ter ange­hör­te, seit 1927 wei­ter nach rechts rück­te, trat er aus. Die neue christ­lich-kon­ser­va­ti­ve Par­tei, in die er 1930 ein­trat, blieb erfolg­los. Die Grund­strö­mung hin zu den poli­ti­schen Extre­men war über­mäch­tig. Rit­ter hat sich schon vor 1933 kri­tisch über den Natio­nal­so­zia­lis­mus geäu­ßert. Des­sen völ­ki­sche Reli­gio­si­tät und lüg­ne­ri­sche Pro­pa­gan­da lehn­te er ab. Rit­ters Vikar Kurt Reu­ber (1906–1944) hat­te den Fana­tis­mus der Nazis zu spü­ren bekom­men, als er 1931 gegen den Miss­brauch des Volks­trau­er­tags als „Hel­den­ge­denk­tag” pro­tes­tier­te. Die ört­li­chen Natio­nal­so­zia­lis­ten in der Schwalm beschwer­ten sich bei der Kir­chen­lei­tung und bedroh­ten ihn. Reu­ber wur­de dar­um an die Uni­ver­si­täts­kir­che in Mar­burg ver­setzt. Wenn Kurt Reu­ber an Weih­nach­ten 1942 die Sta­lin­grad-Madon­na zeich­ne­te, die eine welt­weit bekann­te Iko­ne der Sehn­sucht nach Frie­den wur­de, geht das wohl auch auf den Ein­fluss Rit­ters zurück. Er hat­te — außer­ge­wöhn­lich, ja anstö­ßig für vie­le — schon damals kei­ne Berüh­rungs­ängs­te gegen­über gemein­hin als „katho­lisch” auf gefass­ten Moti­ven, wenn sie auch für Evan­ge­li­sche über­zeu­gend waren.

Im Febru­ar 1933, nach der „Macht­er­grei­fung” Hit­lers, warn­te Rit­ter im Gemein­de­blatt der Uni­ver­si­täts­kir­che hell­sich­tig vor einem Staat, der „dem Wahn der Gott­ähn­lich­keit” ver­fällt. Nach dem sog. Ermäch­ti­gungs­ge­setz muss­te er sich vor­sich­ti­ger äußern. Er wand­te sich gegen die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Deut­schen Chris­ten” (DC), die die Eigen­stän­dig­keit der Kir­che gegen­über dem tota­li­tä­ren Staat auf­ge­ben woll­ten. Statt eine „Reichs­kir­che” zu bil­den und den Glau­ben preis­zu­ge­ben, soll­te nach Rit­ter die Auf­bruch­stim­mung der Zeit für eine „Erneue­rung aus den Kräf­ten des Evan­ge­li­ums” genutzt wer­den. Sei­ne Pfar­rer­kol­le­gen warn­te er vor der um sich grei­fen­den natio­na­len Begeis­te­rung. Um Rit­ter bil­de­te sich eine „Arbeits­ge­mein­schaft Kur­hes­si­scher Pfar­rer”, eine Keim­zel­le der „Beken­nen­den Kir­che”. Rit­ter fun­gier­te als ihr Spre­cher und Bern­hard Hep­pe (1897–1945), Pfar­rer von Cöl­be und Wehr­da, als ihr Schrift­füh­rer. Wich­ti­ge Mit­strei­ter waren auch Hans Schim­mel­p­feng (1902–1971) an der Eli­sa­beth­kir­che (Dekan 1949 bis 1951, dann Direk­tor von Trey­sa-Hephata) und Wil­helm Mau­rer (1900–1982), Pfar­rer in Michel­bach und Cald­ern, der 1946 bis 1951 als Propst für Ober­hes­sen amtier­te (und dann als Pro­fes­sor nach Erlan­gen wech­sel­te). Von der Geschäfts­stel­le im Phil­ipps­haus aus wur­den monat­lich hun­der­te von „Brü­der­brie­fen” ver­sandt, um zu infor­mie­ren und zu ermu­ti­gen. (Man kann sie in einer Edi­ti­on mit dem Titel „Kir­che im Wider­spruch” bequem nachlesen.)

Auf­marsch der SA am Rudolphs­platz in Mar­burg um 1933 (Foto: lagis-hessen.de)

Bekennende Kirche

Bei der Aus­hand­lung der Bedin­gun­gen für die von den Natio­nal­so­zia­lis­ten über­stürzt ange­setz­ten Kir­chen­wah­len 1933 ver­such­te Rit­ter mäßi­gend zu wir­ken. Die „Arbeits­ge­mein­schaft Kur­hes­si­scher Pfar­rer” sprach sich im Som­mer 1933 gegen den Kan­di­da­ten der Nazis, den Königs­ber­ger Wehr­kreis­pfar­rer Lud­wig Mül­ler, als „Reichs­bi­schof” aus. Mül­ler war übri­gens ein Cou­sin von Karl Veer­hoff (1883–1953), dem seit 1930 an der Uni­ver­si­täts­kir­che täti­gen, wegen sei­ner Volks­tüm­lich­keit in der Gemein­de belieb­ten Amts­kol­le­gen Rit­ters. Veer­hoff war der ein­zi­ge Mar­bur­ger Pfar­rer, der den „Deut­schen Chris­ten” ange­hör­te. 1934/35 fun­gier­te er sogar als Stell­ver­tre­ter des DC-Lan­des­bi­schofs. Als Reichs­bi­schof Mül­ler 1935 die Stadt besuch­te, hieß ihn Veer­hoff in der Uni­ver­si­täts­kir­che will­kom­men, muss­te aber ein­ge­ste­hen, dass er dies nicht im Namen der Mar­bur­ger Kir­chen gemein­den tun kön­ne. Die Luthe­ri­sche Pfarr- und die Eli­sa­beth­kir­che blie­ben dem Reichs­bi­schof ver­schlos­sen. Zuvor hat­ten Dekan Gott­fried Schmid­mann (1874–1954) und Pfar­rer Karl Bern­hard Rit­ter im Namen ihrer „Arbeits­ge­mein­schaft” die Theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten in Mar­burg und Erlan­gen um Gut­ach­ten über die Ein­füh­rung des sog. Arier­pa­ra­gra­phen in die Kir­che gebe­ten. Das von den Pro­fes­so­ren Rudolf Bult­mann (1884–1976) und Hans von Soden (1881–1945) ver­fass­te Mar­bur­ger Gut­ach­ten mit sei­ner kla­ren Ableh­nung der Dis­kri­mi­nie­rung von Men­schen stellt ein Ruh­mes­blatt in der Uni­ver­si­täts­ge­schich­te dar.

Rit­ter selbst nahm 1933 in Ber­lin an der Grün­dung des „Pfar­rer­not­bun­des” um Mar­tin Niem­öl­ler teil und der „Bru­der­bund kur­hes­si­scher Pfar­rer” wähl­te ihn zum „Lan­des­füh­rer”. Als sol­cher nahm er zusam­men mit sei­nem Stell­ver­tre­ter Pro­fes­sor Hans von Soden an sämt­li­chen Syn­oden teil, mit denen sich die Beken­nen­de Kir­che kon­sti­tu­ier­te. Seit Herbst 1934 über­gab Rit­ter frei­lich die Lei­tung der Beken­nen­den Kir­che in Kur­hes­sen-Wal­deck Hans von Soden — bei­de wohn­ten benach­bart in der Lie­big­stra­ße. Für Rit­ter war die Situa­ti­on zu gefähr­lich gewor­den. Außer­dem woll­te er als „Ältes­ter” der rasch wach­sen­den Evan­ge­li­schen Micha­els­bru­der­schaft sich auch für deren geist­li­che Ziel­set­zun­gen enga­gie­ren. Im Juni 1934 fand die von DC-Kräf­ten domi­nier­te Lan­des­syn­ode in Kas­sel statt, bei der die jet­zi­ge „Evan­ge­li­sche Kir­che von Kur­hes­sen-Wal­deck” (EKKW) gebil­det wur­de. Dabei kam es aber auch zu Rechts­brü­chen und Hand­greif­lich­kei­ten. Rit­ters offe­ner Bericht dar­über im Mar­bur­ger Gemein­de­blatt bescher­te ihm vor sei­nem Pfarr­haus Auf­zü­ge der Nazis mit dem Ruf: „Rit­ter ins KZ!” Tat­säch­lich wur­de er in „Schutz­haft” genom­men. Trotz sei­nes Rück­zugs von der ers­ten Rei­he im Kir­chen­kampf blieb er als bekann­ter Geg­ner des Natio­nal­so­zia­lis­mus bis zum Ende des Krie­ges wei­ter bedroht.

Der Fall Marburg: Kirchengemeinden — miteinander verbunden

Bis 1945 hat­te Mar­burg nur zwei evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­den: die „luthe­ri­sche” mit der Pfarr­kir­che und der Eli­sa­beth­kir­che (mit ins­ge­samt 5 Pfarr­stel­len) und die „refor­mier­te” der Uni­ver­si­täts­kir­che (mit 2 Pfarr­stel­len). Fak­tisch spiel­te das kon­fes­sio­nel­le Moment inner­halb der evan­ge­li­schen Kir­che kei­ne Rol­le. In bei­den Gemein­den galt der Klei­ne Kate­chis­mus Luthers und das Augs­bur­gi­sche Bekennt­nis. Durch den Zuzug aus den Ost­ge­bie­ten war aber auch in Mar­burg die Bevöl­ke­rung stark ange­wach­sen. Um die Inte­gra­ti­on zu erleich­tern, fle­xi­ble­re Mög­lich­kei­ten zu gewin­nen und die Ver­wal­tung zu ver­ein­fa­chen, bil­de­te man — nach dem ers­ten Ver­such im Jahr 1927 — 1946 zügig eine ver­ei­nig­te „Evan­ge­lisch-luthe­ri­sche Gemein­de Mar­burg”. Die­sen Namen wähl­te man, um die Rechts­an­sprü­che auf die seit Anfang des 19. Jahr­hun­derts der luthe­ri­schen Gemein­de Mar­burgs zur Nut­zung über­las­se­nen Eli­sa­beth­kir­che zu wah­ren. Doch nun oppo­nier­te eine klei­ne Grup­pe um den pen­sio­nier­ten Leh­rer und His­to­ri­ker Wal­ter Kürsch­ner (1877–1952). Sie sahen als „Refor­mier­te” ihre Rech­te ver­letzt und reich­ten Beschwer­de bei der EKD ein. Anstoß nah­men sie vor allem an Rit­ters ver­meint­lich „katho­li­sie­ren­den” oder „luthe­ri­schen” Gottesdiensten.

Zur Bei­le­gung des Streits um „den Fall Mar­burg” teil­te man 1951 die seit 1946 ver­ei­nig­te Gemein­de über das Stadt­ge­biet nun auf drei Kir­chen­ge­mein­den auf. Dabei gelang­te bei­spiels­wei­se Wei­den­hau­sen mit der St.-Jost-Kapelle (die eigens reno­viert wur­de) von der Luthe­ri­schen Pfarr­kir­che zur Uni­ver­si­täts­kir­che. Die fort­an glei­cher­ma­ßen „evan­ge­lisch” genann­ten Gemein­den der Pfarr­kir­che, der Eli­sa­beth­kir­che und der Uni­ver­si­täts­kir­che beteu­er­ten, mit den Neu­ord­nun­gen 1946 und 1951 kei­ne kon­fes­sio­nel­le Ände­rung vor­zu­neh­men. Mit­tels des „Gesamt­ver­ban­des”, den sie unter Dekan Rit­ter im Jahr 1954 bil­de­ten, behiel­ten sie ihren Zusam­men­schluss auf wirt­schaft­li­cher und ope­ra­ti­ver Ebe­ne bei. Das war auch ange­sichts der vie­len Her­aus­for­de­run­gen der Zeit not­wen­dig. Der Gesamt­ver­band der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­den in Mar­burg bewähr­te sich. Das erwei­sen die zahl­rei­chen Neu­bau­ten von Gemein­de­häu­sern, Kin­der­ta­ges­stät­ten und Kir­chen, nicht zuletzt die gelun­ge­ne Aus­grün­dung neu­er Gemein­den — die nun unter wie­der ver­än­der­ten Bedin­gun­gen erneut nach guten gemein­sa­men Wegen für die Zukunft suchen müssen.

Literatur

 

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