- Dominikanerkirche — Reformierte Stadt- und Universitätskirche — Kirche der Evangelischen Messe. Ein historischer Überblick
- 350 Jahre evangelischer Gottesdienst in der Universitaetskirche (1658–2008)
- Karl Bernhard Ritter, 1925 bis 1960 Pfarrer der Universitätskirche
- Kurt Reuber (1906–1944) — Pfarrer, Arzt und Künstler
- Claudia Bader (1900–1974) — eine der ersten Pfarrerinnen
- Interessante Theologen in der Universitätskirche
- „Schweigender Dienst“ vor dem „Heiligen“ in St. Jost — Rudolf Otto
Karl Bernhard Ritter um 1925 (Foto: privat)
Karl Bernhard Ritter, 1925 bis 1960 Pfarrer der Universitätskirche
Karl Bernhard Ritter (1890–1968) kam genau vor 100 Jahren, nämlich am 1. Februar 1925, als Pfarrer an die Universitätskirche in Marburg und betrieb maßgeblich das Vereinigungsprojekt der beiden evangelischen Kirchengemeinden — der „lutherischen” mit der Pfarrkirche und der Elisabethkirche und der „reformierten” der Universitätskirche -, das dann doch „noch nicht” zustande kam. Später, von 1952 bis zum Ruhestand im Jahr 1960, amtierte er als Dekan des evangelischen Stadtkirchenkreises. Gäbe es nicht schon eine Ritterstraße, müsste eigentlich eine Straße nach ihm heißen, denn er hat die Geschicke der evangelischen Gemeinden in Marburg in schweren Zeiten wegweisend mitbestimmt. Mit der Renovierung zum Jubiläum 1927 hat Ritter zunächst die Universitätskirche bleibend geprägt. In den Entscheidungsjahren 1933/34 trat er als unerschrockener Gegner des Nationalsozialismus hervor und führte die „Bekennende Kirche” von Kurhessen-Waldeck. Nach 1945 beteiligte sich Ritter an der Neuorganisation der evangelischen Gemeinden in Marburg. Vor allem aber gab er nachhaltige Impulse zur Erneuerung der Gottesdienstkultur und zur ökumenischen Öffnung der Protestanten. Bei ihm verbinden sich ein tiefes Verständnis von „Kirche” und „Liturgie” mit der praktischen Fähigkeit, Strukturen neu zu ordnen und konkrete „Kirchenpolitik” zu machen. Die Erinnerung an sein vielfältiges Wirken, das eben vor 100 Jahren begann, wirft ein erhellendes Licht auf gegenwärtige Herausforderungen.
Universitätsjubiläum 1927 und Neugestaltung der Kirche
Ritter stammte aus einer hessischen Pfarrer- und Gelehrtenfamilie, die nachweislich den berühmten Reformator Philipp Melanchthon und (angeblich) auch die Hl. Elisabeth von Thüringen selbst zu ihren Vorfahren zählte. Bekannt in der Welt der Wissenschaft ist sein Bruder Gerhard Ritter (1888–1967), der als Historiker in Freiburg lehrte. Dass Karl Bernhard Ritter 1925 nach Marburg kam, erwies sich für die „Reformierte Pfarr‑, Garnisons- und Universitätskirche” als Glücksfall. Das große Jubiläum der Gründung der ältesten protestantisch geprägten Universität Europas im Jahr 1527 stand bevor und ihre Kirche, auch ein architektonisches Wahrzeichen der Stadt, war renovierungsbedürftig. Ritter verfügte über beste Beziehungen, weil er vorher auch Mitglied des Preußischen Landtags gewesen war. Tatsächlich wurden für das Jubiläum 1927 nicht nur Mittel etwa für den Bau des Kunstmuseums in der Biegenstraße bewilligt, sondern auch für die Universitätskirche.
Ritter nutzte die Chance, ihr Inneres, das bis dahin keinerlei bildliche Darstellungen, nicht einmal ein einfaches Kreuz aufwies, nach eigenen, freilich ganz besonderen Ideen neu zu gestalten. Seit der Renovierung 1926/27 wird der lichterfüllte Chorraum der Universitätskirche bestimmt durch den Orgelprospekt und vor allem durch den goldfarbenen Lettner, der den Weg des Heilands in acht Szenen von der Ankündigung seiner Geburt an Maria bis zur Ausgießung seines Geistes über die Kirche an Pfingsten darstellt. Das hochragende Kreuz verbindet die Jesus-Geschichte mit dem Altartisch, der vom Taufbrunnen und der Kanzel flankiert wird. So kommt zum Ausdruck: Quelle des Lebens der Kirche ist die Botschaft des Evangeliums und die Feier von Taufe und Abendmahl.
Kirche für eindrückliche Gottesdienste
Bereits in der Neuen Kirche des „Deutschen Doms” im Zentrum Berlins hatte Ritter, der durch die Jugendbewegung geprägt war, mit verschiedenen neuen Formen des Gottesdienstes experimentiert. Ein evangelischer Gottesdienst sollte nicht einseitig durch den Predigtmonolog bestimmt sein, sondern die Gemeindeglieder ganzheitlich ansprechen und einbeziehen. Ritter formulierte darum neue Gebete, entwarf Sprechmotetten und Szenen für geistliche Spiele. Lebendiger Gesang spielte eine wichtige Rolle. Ritter entdeckte auch die dramatische Kraft der Liturgie der Kirche (wieder), mit der die „reformierte” Tradition, der er eigentlich angehörte, gebrochen hatte. Angeleitet von dem ursprünglich römisch-katholischen Marburger Religionswissenschaftler Friedrich Heiler (1892–1967) beschäftigte sich Ritter als erster evangelischer Theologe überhaupt mit der tiefgründig-symbolreichen „Osternacht” der Alten Kirche, mit den Tagzeitengebeten und der Feier der „Messe”. Ihm lag daran, die beiden Sakramente Abendmahl und Taufe in der evangelischen Kirche wieder eindrücklicher zu feiern. Nach Ritters Überzeugung sollte auch für Protestanten anschaulicher, sinnenhafter und bewegender erfahrbar werden, wie das rettende Wort Christi Menschen erreicht, ihnen Heil zuspricht und Segen schenkt. Er entwarf dafür hilfreiche neue „Ordnungen” und griff auch auf den reichen Schatz der ost- und westkirchlichen Tradition zurück. Ritter, dessen Hauptwerk „Die eucharistische Feier” 1961 als Buch erschien, wollte ohne Scheuklappen von der Ökumene lernen. Er trug so zur Verständigung unter den Konfessionen bei — in einer Zeit, als viele in der evangelischen Kirche dies noch mit Argwohn betrachteten.
Ritters Arbeitspensum war enorm. Neben der Gemeinde sowie der Studentenseelsorge und den dazugehörenden Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten beteiligte er sich in verschiedenen Gremien und Gesprächskreisen, in denen eine Reform der seit 1919 von den Fesseln des Staates gelösten Kirche verhandelt wurde. Es ging nicht nur darum, wie sich die zersplitterten hessischen Kirchen vereinigen sollten, sondern besonders auch darum, wie Kirche in ihrem eigenen Wesen erkennbar und neu erfahrbar wird. Ritter engagierte sich deshalb vor allem in der „Berneuchener Bewegung”. Die aus ihr hervorgehende Evangelische Michaelsbruderschaft wurde 1931 in der Kreuzkapelle der Universitätskirche gegründet. Ihr verdanken sich nachhaltige Impulse im Bereich der Gottesdienstpraxis und der ökumenischen Theologie. Dazu und zu den Themen Spiritualität und Meditation verfasste Ritter selbst zahlreiche Schriften.
Kirche und Extremismus
Da die DNVP, die nationalkonservative Partei, der Ritter angehörte, seit 1927 weiter nach rechts rückte, trat er aus. Die neue christlich-konservative Partei, in die er 1930 eintrat, blieb erfolglos. Die Grundströmung hin zu den politischen Extremen war übermächtig. Ritter hat sich schon vor 1933 kritisch über den Nationalsozialismus geäußert. Dessen völkische Religiosität und lügnerische Propaganda lehnte er ab. Ritters Vikar Kurt Reuber (1906–1944) hatte den Fanatismus der Nazis zu spüren bekommen, als er 1931 gegen den Missbrauch des Volkstrauertags als „Heldengedenktag” protestierte. Die örtlichen Nationalsozialisten in der Schwalm beschwerten sich bei der Kirchenleitung und bedrohten ihn. Reuber wurde darum an die Universitätskirche in Marburg versetzt. Wenn Kurt Reuber an Weihnachten 1942 die Stalingrad-Madonna zeichnete, die eine weltweit bekannte Ikone der Sehnsucht nach Frieden wurde, geht das wohl auch auf den Einfluss Ritters zurück. Er hatte — außergewöhnlich, ja anstößig für viele — schon damals keine Berührungsängste gegenüber gemeinhin als „katholisch” auf gefassten Motiven, wenn sie auch für Evangelische überzeugend waren.
Im Februar 1933, nach der „Machtergreifung” Hitlers, warnte Ritter im Gemeindeblatt der Universitätskirche hellsichtig vor einem Staat, der „dem Wahn der Gottähnlichkeit” verfällt. Nach dem sog. Ermächtigungsgesetz musste er sich vorsichtiger äußern. Er wandte sich gegen die nationalsozialistischen „Deutschen Christen” (DC), die die Eigenständigkeit der Kirche gegenüber dem totalitären Staat aufgeben wollten. Statt eine „Reichskirche” zu bilden und den Glauben preiszugeben, sollte nach Ritter die Aufbruchstimmung der Zeit für eine „Erneuerung aus den Kräften des Evangeliums” genutzt werden. Seine Pfarrerkollegen warnte er vor der um sich greifenden nationalen Begeisterung. Um Ritter bildete sich eine „Arbeitsgemeinschaft Kurhessischer Pfarrer”, eine Keimzelle der „Bekennenden Kirche”. Ritter fungierte als ihr Sprecher und Bernhard Heppe (1897–1945), Pfarrer von Cölbe und Wehrda, als ihr Schriftführer. Wichtige Mitstreiter waren auch Hans Schimmelpfeng (1902–1971) an der Elisabethkirche (Dekan 1949 bis 1951, dann Direktor von Treysa-Hephata) und Wilhelm Maurer (1900–1982), Pfarrer in Michelbach und Caldern, der 1946 bis 1951 als Propst für Oberhessen amtierte (und dann als Professor nach Erlangen wechselte). Von der Geschäftsstelle im Philippshaus aus wurden monatlich hunderte von „Brüderbriefen” versandt, um zu informieren und zu ermutigen. (Man kann sie in einer Edition mit dem Titel „Kirche im Widerspruch” bequem nachlesen.)

Aufmarsch der SA am Rudolphsplatz in Marburg um 1933 (Foto: lagis-hessen.de)
Bekennende Kirche
Bei der Aushandlung der Bedingungen für die von den Nationalsozialisten überstürzt angesetzten Kirchenwahlen 1933 versuchte Ritter mäßigend zu wirken. Die „Arbeitsgemeinschaft Kurhessischer Pfarrer” sprach sich im Sommer 1933 gegen den Kandidaten der Nazis, den Königsberger Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, als „Reichsbischof” aus. Müller war übrigens ein Cousin von Karl Veerhoff (1883–1953), dem seit 1930 an der Universitätskirche tätigen, wegen seiner Volkstümlichkeit in der Gemeinde beliebten Amtskollegen Ritters. Veerhoff war der einzige Marburger Pfarrer, der den „Deutschen Christen” angehörte. 1934/35 fungierte er sogar als Stellvertreter des DC-Landesbischofs. Als Reichsbischof Müller 1935 die Stadt besuchte, hieß ihn Veerhoff in der Universitätskirche willkommen, musste aber eingestehen, dass er dies nicht im Namen der Marburger Kirchen gemeinden tun könne. Die Lutherische Pfarr- und die Elisabethkirche blieben dem Reichsbischof verschlossen. Zuvor hatten Dekan Gottfried Schmidmann (1874–1954) und Pfarrer Karl Bernhard Ritter im Namen ihrer „Arbeitsgemeinschaft” die Theologischen Fakultäten in Marburg und Erlangen um Gutachten über die Einführung des sog. Arierparagraphen in die Kirche gebeten. Das von den Professoren Rudolf Bultmann (1884–1976) und Hans von Soden (1881–1945) verfasste Marburger Gutachten mit seiner klaren Ablehnung der Diskriminierung von Menschen stellt ein Ruhmesblatt in der Universitätsgeschichte dar.
Ritter selbst nahm 1933 in Berlin an der Gründung des „Pfarrernotbundes” um Martin Niemöller teil und der „Bruderbund kurhessischer Pfarrer” wählte ihn zum „Landesführer”. Als solcher nahm er zusammen mit seinem Stellvertreter Professor Hans von Soden an sämtlichen Synoden teil, mit denen sich die Bekennende Kirche konstituierte. Seit Herbst 1934 übergab Ritter freilich die Leitung der Bekennenden Kirche in Kurhessen-Waldeck Hans von Soden — beide wohnten benachbart in der Liebigstraße. Für Ritter war die Situation zu gefährlich geworden. Außerdem wollte er als „Ältester” der rasch wachsenden Evangelischen Michaelsbruderschaft sich auch für deren geistliche Zielsetzungen engagieren. Im Juni 1934 fand die von DC-Kräften dominierte Landessynode in Kassel statt, bei der die jetzige „Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck” (EKKW) gebildet wurde. Dabei kam es aber auch zu Rechtsbrüchen und Handgreiflichkeiten. Ritters offener Bericht darüber im Marburger Gemeindeblatt bescherte ihm vor seinem Pfarrhaus Aufzüge der Nazis mit dem Ruf: „Ritter ins KZ!” Tatsächlich wurde er in „Schutzhaft” genommen. Trotz seines Rückzugs von der ersten Reihe im Kirchenkampf blieb er als bekannter Gegner des Nationalsozialismus bis zum Ende des Krieges weiter bedroht.
Der Fall Marburg: Kirchengemeinden — miteinander verbunden
Bis 1945 hatte Marburg nur zwei evangelische Kirchengemeinden: die „lutherische” mit der Pfarrkirche und der Elisabethkirche (mit insgesamt 5 Pfarrstellen) und die „reformierte” der Universitätskirche (mit 2 Pfarrstellen). Faktisch spielte das konfessionelle Moment innerhalb der evangelischen Kirche keine Rolle. In beiden Gemeinden galt der Kleine Katechismus Luthers und das Augsburgische Bekenntnis. Durch den Zuzug aus den Ostgebieten war aber auch in Marburg die Bevölkerung stark angewachsen. Um die Integration zu erleichtern, flexiblere Möglichkeiten zu gewinnen und die Verwaltung zu vereinfachen, bildete man — nach dem ersten Versuch im Jahr 1927 — 1946 zügig eine vereinigte „Evangelisch-lutherische Gemeinde Marburg”. Diesen Namen wählte man, um die Rechtsansprüche auf die seit Anfang des 19. Jahrhunderts der lutherischen Gemeinde Marburgs zur Nutzung überlassenen Elisabethkirche zu wahren. Doch nun opponierte eine kleine Gruppe um den pensionierten Lehrer und Historiker Walter Kürschner (1877–1952). Sie sahen als „Reformierte” ihre Rechte verletzt und reichten Beschwerde bei der EKD ein. Anstoß nahmen sie vor allem an Ritters vermeintlich „katholisierenden” oder „lutherischen” Gottesdiensten.
Zur Beilegung des Streits um „den Fall Marburg” teilte man 1951 die seit 1946 vereinigte Gemeinde über das Stadtgebiet nun auf drei Kirchengemeinden auf. Dabei gelangte beispielsweise Weidenhausen mit der St.-Jost-Kapelle (die eigens renoviert wurde) von der Lutherischen Pfarrkirche zur Universitätskirche. Die fortan gleichermaßen „evangelisch” genannten Gemeinden der Pfarrkirche, der Elisabethkirche und der Universitätskirche beteuerten, mit den Neuordnungen 1946 und 1951 keine konfessionelle Änderung vorzunehmen. Mittels des „Gesamtverbandes”, den sie unter Dekan Ritter im Jahr 1954 bildeten, behielten sie ihren Zusammenschluss auf wirtschaftlicher und operativer Ebene bei. Das war auch angesichts der vielen Herausforderungen der Zeit notwendig. Der Gesamtverband der evangelischen Kirchengemeinden in Marburg bewährte sich. Das erweisen die zahlreichen Neubauten von Gemeindehäusern, Kindertagesstätten und Kirchen, nicht zuletzt die gelungene Ausgründung neuer Gemeinden — die nun unter wieder veränderten Bedingungen erneut nach guten gemeinsamen Wegen für die Zukunft suchen müssen.
Literatur
- Wolfgang Huber, Kirche — und ihre Strukturen 1925 bis 2025. Pfarrer Karl Bernhard Ritter und die evangelischen Gemeinden in Marburg, in: Kirche in Marburg. Ökumenische Monatszeitung, Januar-Februar 2025

