- Dominikanerkirche — Reformierte Stadt- und Universitätskirche — Kirche der Evangelischen Messe. Ein historischer Überblick
- 350 Jahre evangelischer Gottesdienst in der Universitaetskirche (1658–2008)
- Karl Bernhard Ritter, 1925 bis 1960 Pfarrer der Universitätskirche
- Kurt Reuber (1906–1944) — Pfarrer, Arzt und Künstler
- Claudia Bader (1900–1974) — eine der ersten Pfarrerinnen
- Interessante Theologen in der Universitätskirche
- „Schweigender Dienst“ vor dem „Heiligen“ in St. Jost — Rudolf Otto
Dominikanerkirche — Reformierte Stadt- und Universitätskirche — Kirche der Evangelischen Messe. Ein historischer Überblick
Mit ihrem hoch über der Lahn aufragenden Chor prägt sie — zusammen mit dem auf der Bergspitze thronenden Landgrafenschloss, der darunterliegenden Kanzlei, der Pfarrkirche und dem Rathaus — seit Jahrhunderten das Marburger Stadtbild: die Universitätskirche, die bis zur Reformation die Ordenskirche der Dominikaner war.
Bau der Dominikanerkirche

Statue der Sophie von Brabant mit ihrem
Sohn Heinrich auf dem Marburger Marktplatz –
Skulptur von Ivan Theimer 1989
(Foto: J. Rustmeier)
Als um 1300 die Mönche des Predigerordens ihre Kirche auf dem Felsen über der Lahn bauten, befand sich die Stadt gerade in einer Zeit des Aufschwungs. Das Marburger Schloss bildete eine Hauptresidenz der im Jahr 1292 durch den deutschen König anerkannten Landgrafschaft Hessen. Es war Heinrich I. (1256–1308), dem Sohn Sophies von Brabant und Enkel der Heiligen Elisabeth (1207–1231), gelungen, den hessischen Teil von der Landgrafschaft Thüringen zu lösen. Zugleich hatte zu Füßen der Stadt, gegen Norden an der Lahn der Deutsche Orden über dem Grab der 1235 heilig gesprochenen Elisabeth eine eindrucksvolle Wallfahrtskirche errichten lassen. Dieser erste rein gotische Kirchenbau auf deutschem Boden, geweiht im Jahr 1283, zog Pilgerströme aus allen Himmelsrichtungen an.
Vor den Dominikanern hatten sich freilich bereits franziskanische Bettelmönche in Marburg angesiedelt. Seit 1234/35 entstand — wohl aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Elisabeth von Thüringen — am südwestlichen Stadtrand („Am Plan”) bereits das „Barfüßer-Kloster”. Dagegen geschah es — nach einer Mitteilung des Chronisten Wigand Gerstenbergs um 1500 — im Jahr 1291, da Landgraf Heinrich I. „die Predigerbrüder gen Marburg brachte und gab ihnen die Stätte”, wo sie ihr Klostergebäude bauen konnten. Die Dominikaner legten ihre Konventsgebäude im Südosten hoch über der Lahn an. Die Marburger Bettelordensniederlassungen — das Barfüßerkloster wurde nach der Reformation bis zur Unkenntlichkeit umgebaut, die Kirche 1730/31 abgerissen — trugen also nicht nur zu Seelsorge und Verkündigung bei. Ihre Klostergebäude bildeten auch wichtige Eckpunkte der Stadtbefestigung: sie durften nicht angegriffen werden, sonst drohten Kirchenstrafen.
Geistliches Leben in der Dominikanerkirche
In den gut zwei Jahrhunderten seines Bestehens zählte der Marburger Dominikanerkonvent meist um zehn Mitglieder, die das regelmäßige Chorgebet verrichteten. Bei seiner Auflösung im Jahr 1527 wurden 13 Predigerbrüder abgefunden. Die Leitung des Konvents geschah durch einen Prior und einen Subprior; für die Bildung vor allem der Novizen war der „Lesemeister” zuständig. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts lassen sich einzelne Marburger Dominikaner als Studenten sogar an italienischen Universitäten nachweisen. Wichtig für die spätmittelalterliche Stadtbevölkerung war der Dienst des „Seelgedächtnisses”. An den Messaltären der Dominikanerkirche vollzogen Ordenspriester den frommen und als Gott wohlgefällig eingeschätzten Dienst des fürbittenden Gedenkens für Verstorbene. Diese sah man vor dem Gericht Gottes stehen und mühte sich nach Kräften um eine Minderung ihrer zu erwartenden Sündenstrafen. Solche Mess-Stiftungen und Schenkungen um des Seelenheils willen bedeuteten für die Ordenskonvente eine wesentliche Einnahmequelle, machte sie aber auch zu einer Konkurrenz für den Inhaber der Marburger Stadtpfarrei an der „Unserer lieben Frau” geweihten Pfarrkirche. Dieser, vom Deutschen Orden gestellt, und seine Kapläne empfanden durch die Aktivitäten der Bettelmönche ihre Einnahmen geschmälert. Gespannt war auch das Verhältnis der Orden zum Mainzer Bischof, der die Seelsorge und besonders die Verwaltung des Beichtsakraments genehmigen musste. Und die Stadt Marburg blickte mit Argwohn auf die Orden, deren Angehörigen eine weitgehende Befreiung von den bürgerlichen Lasten genossen. Andererseits bot das Dominikanerkloster immer wieder Raum für die notarielle Bestätigung kommunaler und privater Geschäfte — das Konventssiegel, das galt als authentisch.
Wie das Innere der Dominikanerkirche ausgestattet war, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Wahrscheinlich trennte ein Lettner den Chorraum mit dem Hochaltar, dessen Standort man sich ungefähr unter dem Gewölbeschlussstein vorzustellen hat, vom Kirchenschiff. Hier befanden sich wohl weitere Altäre. Im Chor, möglicherweise im Hochaltar, befand sich ein Marienbild, zusammen mit einem geschnitzten Bild Johannes des Täufers. Vor dem Marienbild brannte das ewige Licht. Anscheinend spielte die Marienfrömmigkeit bei den Marburger Dominikanern eine wichtige Rolle.
Die Bruderschaften von St. Jakob und St. Severin hatten in der Dominikanerkirche ihre geistliche Heimstatt. Die Schusterzunft verehrte hier ihren Patron St. Crispin, dessen Figur nach der Reformation in deren Zunftstube in die vormalige Kilianskapelle verbracht worden sein soll. Die Dominikanerkirche verfügte um die Mitte des 15. Jahrhunderts auch über eine Orgel. Quellen deuten an, dass in ihr bereits vor der Reformation Lieder in der Volkssprache gesungen wurden, was den Menschen eine aktivere Teilnahme an der Messfeier ermöglichte.
Reformation und Übergabe an die Universität 1527

Neubau der „Alten Universität“ 1873–1879
(Foto: Ludwig Bickell)
Mit der Auflösung der Klöster im Zuge der Reformation — die Dominikaner erhielten vom Landgrafen eine Abfindung — standen die verschiedenen Konventsgebäude in der Stadt der 1527 gegründeten Landesuniversität zur Verfügung: das Dominikanerkloster den Juristen und dem Gymnasium Philippinum, das Anwesen der Brüder vom gemeinsamen Leben (den Kugelherrn) den (evangelischen) Universitätstheologen und das Barfüßerkloster den Medizinern und Philosophen. Als erste Universitätskirche fungierte bis 1653 die später als „Lutherische” bezeichnete Pfarrkirche Unserer Lieben Frau (St. Marien). Die vormalige Dominikanerkirche wurde dagegen profaniert und zunächst für studentische Übungen sowie als Laboratorium und Lagerraum benutzt.
Auch ihre Verwendung als Begräbnisstätte für Professoren zog man in Betracht. 1578/79 wurden Zwischendecken und Lüftungsfenster in das vormalige Kirchenschiff eingebaut: es diente in den folgenden Jahrzehnten als landgräflicher Kornspeicher. Die anderen Klostergebäude blieben bis zum Neubau der „Alten Universität” in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts als Universitätsgebäude fast unverändert erhalten.
Reformierte Stadt- und Universitätskirche seit 1658
Nach dem Dreißigjährigen Krieg musste der calvinistische (reformierte) Landesherr von Kassel den Bestand der lutherischen Konfession in Oberhessen anerkennen. Die Universität Marburg freilich blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein nominell reformiert — im Unterschied zur lutherischen Universität Gießen, die zu dem von Darmstadt aus regierten hessischen Landesteil gehörte. Landgraf Wilhelm VI. von Hessen-Kassel war es ein Herzensanliegen, seiner eigenen Glaubensrichtung in der nun wieder lutherischen Stadt Marburg eine Heimstatt zu verschaffen. Dazu ließ er 1658 die vormalige Dominikanerkirche wiederherstellen: nunmehr zur Pfarrkirche für die reformierten Beamten, Offiziere, Professoren und Studenten. Dass ein aufgegebenes Kirchengebäude für seinen ursprünglichen Zweck restauriert wurde, kam äußerst selten vor. Bis ins 20. Jahrhundert hinein stellte die reformierte Stadt- und Universitätskirche das konfessionelle Gegenstück zur nun „Lutherische Pfarrkirche” genannten Liebfrauenkirche dar, der die große Mehrheit der angestammten Marburger Bevölkerung angehörte. Beide Pfarrkirchen konkurrierten eifersüchtig miteinander, was sich an vielen Streitigkeiten, etwa bei der Regelung „gemischter” Ehen zeigte. Die als Besitz des Deutschen Ordens abwechselnd von römisch-katholischen, lutherischen und reformierten Landkomthuren trikonfessionell verwaltete Elisabethkirche (seit 1809 ebenfalls nominell lutherisch) war damals sozusagen Ausland; und ein römisch-katholisches Kirchenwesen gab es im Landgrafentum Hessen-Kassel bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht.
Während die Lutherische Pfarrkirche von ihrer Gemeinde selber unterhalten wurde, erfreute sich die Reformierte Stadt- und Universitätskirche der Gunst des Landesherrn: Er selbst ließ sie ausstatten, besoldete ihre Pfarrer und trug die laufenden Kosten. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte die reformierte Gemeinde so einen Aufschwung, auch durch die Zuwendungen ihrer vergleichsweise wohlhabenden Mitglieder, die überwiegend den „höheren Ständen” angehörten, Das Aufkommen der Religionskritik und der Rationalismus des 19. Jahrhunderts führten vor allem bei den Gebildeten zu einer Schwächung der traditionellen Frömmigkeit und des Gottesdienstbesuchs. Dies traf die Universitätskirche besonders. Als Ort von Säkularfeiern und Universitätsjubiläen behielt sie dennoch ihre landesweite Bedeutung.
Neugestaltung der Universitätskirche 1927

Blick in den Hohen Chor vor 1927
Nach verschiedenen mehr oder weniger gelungenen Renovierungsmaßnahmen im 19. Jahrhundert wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein geradezu atemberaubendes Kapitel der Geschichte der Universitätskirche aufgeschlagen, als Pfarrer Karl Bernhard Ritter (1890–1968) vom Deutschen Dom in Berlin nach Marburg kam. Der vormalige Landtagsabgeordnete konnte seine direkten Beziehungen zum preußischen Kultusministerium nutzen, um die Renovierung der Kirche zum Universitätsjubiläum 1927 nach seinen ganz eigentümlichen Vorstellungen durchzuführen. Ritter war nominell reformiert, engagierte sich aber als ein Mitbegründer der sog. Liturgischen Bewegung. Dieser ging es um eine Neubelebung des gottesdienstlichen und spirituellen Lebens im Protestantismus. Unter Ritters energischer Leitung erfuhr die vorher bildlose Universitätskirche eine radikale Neugestaltung zu dem Raum, wie er sich heute darbietet: mit einem goldfarbenen Lettner, der den Weg des Heilands von seiner Empfängnis bis Pfingsten darstellt, und einem Hochkreuz über dem nun zentralen Altar: Quelle des Lebens der Gemeinde sollte die Abendmahlsfeier in der Form der sog. Evangelischen Messe sein. Diese knüpft an die Messreform Luthers an und integriert Elemente der Ökumene. 1931 wurde in der Kreuzkapelle der Universitätskirche die Evangelische Michaelsbruderschaft gegründet, der auch Kurt Reuber (1906–1944), der Schöpfer der ‚Stalingrad-Madonna’, beitrat. Als Vikar an der Universitätskirche von 1931 bis 1933 erfuhr er an ihr eine starke theologisch-spirituelle Prägung.
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
Die Umgestaltung der Universitätskirche führte deshalb wohl nicht zum Streit innerhalb der gegenüber dem charismatischen Pfarrer Ritter grundsätzlich aufgeschlossenen Gemeinde, weil recht bald die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in den Vordergrund trat. Die zwei amtierenden Pfarrer der Universitätskirche gehörten den gegensätzlichen Gruppierungen jeweils an führender Stelle an: Karl Veerhoff (1883–1953) avancierte als ‚Deutscher Christ’ gar zum stellvertretenden Landesbischof, Ritter agierte vor allem in den Jahren 1933/34 und etablierte im Gemeindehaus der Universitätskirche die Geschäftsstelle der ‚Bekennenden Kirche’ der Landeskirche. Mehrmals wurde Ritter von den Nationalsozialisten bedroht und sogar in Haft genommen. In den Universitätsgottesdiensten predigten die bedeutenden Theologieprofessoren Rudolf Bultmann (1884–1976) und Hans von Soden (1881–1945), welcher Ritter 1934 in der Leitung der ‚Bekennenden Kirche’ ablöste.
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Universitätsgottesdienste, Kirchengemeinde und Evangelische Messe
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es unter Pfarrer Ritter als Dekan, die so lange konfessionell getrennten evangelischen Kirchengemeinden Marburgs zusammenzuführen. In der Universitätskirche musste sich freilich erst noch — das verlief über Jahrzehnte durchaus nicht konfliktfrei — das Gegeneinander mehrerer Strömungen zu einem Miteinander entwickeln. Heute finden selbstverständlich weiter die Universitätsgottesdienste der renommierten theologischen Fakultät statt. Sie sind mittlerweile nicht mehr rein akademisch geprägt, sondern den Künsten und aktuellen politisch-gesellschaftlich-religiösen Themen aufgeschlossen. Beibehalten wurden auch die Gottesdienste in der niederhessisch-reformierten neben der von Pfarrer Ritter etablierten liturgischen Tradition. Die Universitätskirche bietet so das vielfältigste Gottesdienstangebot aller Marburger Kirchen, vielleicht sogar ganz Hessens.
Literatur
- Margret Lemberg, Die Universitätskirche zu Marburg. Von der Kirche der Dominikaner zur reformierten Stadt- und Universitätskirche. Historische Kommission für Hessen, Marburg 2016


