Mon­tag, 19. Dezem­ber 2016


Dankbarkeit

Im nor­ma­len Leben wird oft einem gar nicht bewusst,
dass der Mensch über­haupt unend­lich viel mehr emp­fängt,
als er gibt, und dass Dank­bar­keit das Leben erst reich macht.

Diet­rich Bon­hoef­fer 1906–1945, deut­scher Theo­lo­ge


Wir

Und eine stil­le Stun­de trug
Den Abend­schein als wie ein Kleid
Und wiegt ein wei­ches Klin­gen weit,
Wie einer fer­nen Wol­ke Zug,
Wie eines Vogels müden Flug,
Der über Wäl­der, tief ver­schneit,
Die schwe­ren Flü­gel angst­voll schlug
In bit­ter­we­her Ein­sam­keit.

Und in mir sang — und in dir sang
Das glei­che Lied in lei­sem Moll,
Und mei­ne Brust war sehn­suchts­voll
Und wie ein Kind so abend­bang,
Wenn es das Wei­nen nie­der­zwang,
War wie der Tag, der schei­den soll.
Im roten Son­nen­un­ter­gang.

Und du warst still und in dir lebt
Ein zar­tes Ahnen, ein Ver­stehn,
Wie eine Frau beim Schla­fen­gehn
Die sacht den Schlei­er, fein­ge­webt,
Von ihrer hohen Stir­ne hebt,
Um ihre Schön­heit zu besehn,
Vor ihrem blei­chen Spie­gel bebt
Und fühlt ein seli­ges Geschehn.

Und uns geschah so wun­der­sam,
Wie’s nur in alten Mär­chen steht,
So wie ein flüs­tern­des Gebet,
Wie Rau­schen durch den Eichen­stamm,
Wie am Alta­re eine Flamm’,
Von selbst ent­facht, ihr Glühn ver­rät.
Uns hat der Sturm­wind hin­ge­weht
Und kei­ner wuss­te, wie es kam.

Hugo Zucker­mann 1881–1914, böh­misch-öster­rei­chi­scher Schrift­stel­ler und Rechts­an­walt