In der Kreuzkapelle der Universitätskirche wurde am 1. Oktober 1931 die Evangelische Michaelsbruderschaft gestiftet.
Wir wollen einem jeden in unserer Mitte helfen zu erkennen, wie er in seinem besonderen Lebenskreise der Kirche dienen soll.
Aus der Stiftungsurkunde von 1931
An der Kirche bauen
Mit der Universitätskirche in Marburg ist die besondere gottesdienstliche Form der Feier der Evangelischen Messe verbunden, und das ist kein Zufall: Dieser festliche Abendmahlsgottesdienst mit liturgischen Gewändern und einer ökumenischen Ausrichtung ist über Jahrzehnte an dieser Kirche entwickelt und gepflegt worden. Die besondere gottesdienstliche Tradition verdankt sich zum einem dem langjährigen Wirken von Pfarrer (später Dekan und Kirchenrat) Karl Bernhard Ritter, sie ist aber auch aufs Engste verknüpft mit der Evangelischen Michaelsbruderschaft, die vor 80 Jahren – am 1. Oktober 1931 – in der Oberkapelle (Kreuzkapelle) der Universitätskirche gestiftet wurde.

Karl Bernhard Ritter (Foto Marburg)
Die großen Umbrüche zu Beginn des 20 Jahrhunderts, die Erfahrung des Ersten Weltkrieges und nicht zuletzt das Ende des alten „landesherrlichen Kirchenregiments“ stürzten die evangelischen Kirchen in Deutschland in den zwanziger Jahren in eine Orientierungskrise. Auf der Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Kirche und nach Wegen zur Verkündigung des Evangeliums in der modernen Welt trafen sich von 1923 bis 1928 evangelische Laien und Theologen auf dem Gut Berneuchen in der Neumark zu jährlichen Konferenzen. Aus diesem Berneuchener Kreis entwickelte sich zunächst eine lockere geistliche Gemeinschaft, die aber dem Wunsch und Bedürfnis nach einer stärkeren Verbindlichkeit noch nicht entsprach. Zu Michaelis 1931 lud Karl Bernhard Ritter (seit 1925 Pfarrer an der Universitätskirche) den Berneuchener Kreis nach Marburg ein. Am 1. Oktober 1931 schlossen sich 22 Männer, Theologen wie Nichttheologen feierlich zu einer verbindlichen geistlichen Gemeinschaft zusammen, die den Namen „Evangelische Michaelsbruderschaft“ erhielt. Zu den Stiftern zählten unter anderem der Marburger Landrat Ernst Schwebel, der Darmstädter Arzt Carl Happich, der Hamburger Architekt und Kirchenbaumeister Gerhard Langmaack und der spätere Oldenburger Bischof Wilhelm Stählin. Erster Ältester der Bruderschaft wurde Karl Bernhard Ritter. Eine Gedenktafel in der Kreuzkapelle der Universitätskirche erinnert an den Tag der Stiftung der Bruderschaft.

Kreuzkapelle (Foto: Jörg Rustmeier)
Stand am Anfang der Wunsch nach einer verbindlichen Form für die Gestaltung des geistlichen Lebens in einer Gemeinschaft, so hat die Michaelsbruderschaft im Laufe ihrer Geschichte mancherlei Impulse aufgenommen und aus ihren Erfahrungen in die Kirche hinein gewirkt. Die Entdeckung der Meditation für die evangelische Kirche, die Gestaltung eines evangelischen Stundengebets, die Wiedergewinnung des Abendmahls, des Kirchenjahres und des reichen Erbes liturgischer Traditionen und nicht zuletzt die Öffnung der evangelischen Kirche für die Ökumene, – all das ist mit der Evangelischen Michaelsbruderschaft verbunden – und zu einem guten Teil mit dem Namen Karl Bernhard Ritter und der Marburger Universitätskirche. Seit 1931 war einer der beiden Pfarrer an dieser Kirche ein Mitglied der Michaelsbruderschaft. Auf Karl Bernhard Ritter folgten Walter Lotz, Friedrich Dickmann, Jürgen Renner und Dr. Uwe Kühneweg. Zuletzt wirkte der bayrische Michaelsbruder Dietrich Matthias Röhrs von 2003 bis 2008 als Pfarrer im Ostbezirk der Universitätskirchengemeinde. Nach ihm konnte diese Tradition erst einmal nicht fortgesetzt werden.
Die Berneuchener Bewegung stellt sich heute als ein Baum mit verschiedenen Ästen dar: Neben die schnell wachsende Michaelsbruderschaft traten schon bald eine Jungbruderschaft sowie die Gemeinschaft des „Berneuchener Dienstes“, schließlich ist als jüngster Spross aus der Michaelsbruderschaft auch die „Gemeinschaft St. Michael“ hervorgegangen in der sich Männer und Frauen unter einer verbindlichen Ordnung zusammengeschlossen haben.
Zur evangelischen Michaelsbruderschaft gehören heute etwa 400 Männer aus ganz Mitteleuropa (und aus verschiedenen Konfessionen). Die Bruderschaft versteht sich nicht als Sondergemeinschaft innerhalb der Kirche, sondern als ein bewusster Dienst in der Kirche und an der Kirche, nach dem Grundsatz: „Wir können an der Kirche nur bauen, wenn wir selber Kirche sind.“
Uwe Kühneweg
(zuerst erschienen in der Oberhessischen Presse am 2. Oktober 2001; aktualisiert)
→ „Von Prädikant zu Prädikant“ – Gespräch mit dem Michaelsbruder Willi Zimmermann
→ Achtzig Jahre Evangelische Michaelsbruderschaft