
Hagia Sophia / Istanbul (Foto und Grafik: Jörg Rustmeier)

Hagia Sophia / Istanbul (Foto und Grafik: Jörg Rustmeier)

(Foto: Jörg Rustmeier)
Ich komm im Sommerwald daher
Und lausche seinem Weben –
Kein menschlich Schreiten trägt mich mehr,
Ein Wallen ist’s und Schweben.
Ich blicke nieder zur Blume ins Kraut,
Blick auf zur Sonn in die Höhe –
Wie aus dem Kleinen das Große sich baut:
Geheiligt ist, was ich sehe!
Klar wird’s in mir und seherhell –
Wie meine Sinne lauschen,
Klingt in mich ein, was leis der Quell,
Was Gräser und Bäume rauschen,
Hör ich das kreisende Blut der Natur
Durch Erden und Welten wallen,
Hör ich durch alle Kreatur
Den e i n e n Herzschlag hallen.
Ferdinand Ernst Albert Avenarius (1856 – 1923)
Aus der Sammlung Jahrbuch
Wir wünschen allen unseren Gästen und MitarbeiterInnen schöne und erholsame Sommerferien.
Universitätskirchengemeinde Marburg

„Wozu beten? Damit uns nichts selbstverständlich wird. Selbstverständlich ist nur das Nichts.“ So schreibt Kurt Marti im hohen Alter. Einer, der weiß, wovon er spricht. Er hat seine geliebte Lebenspartnerin verloren. Er nimmt den Abbau seiner geistigen und körperlichen Kräfte wahr. Er kennt den bitteren Gedanken, dass in dieser Welt für ihn nichts mehr bleibt, was noch lohnt zu bleiben.
Doch mitten in der Nacht entsteht die Sehnsucht nach den ersten Anzeichen der Morgenröte. Hilde Domin ermutigt: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“
Die Baumknospe am kahlen Ast, die hervorbrechenden Lichtstrahlen hinter den dunklen Wolken, das Lächeln in einem fremden Gesicht. Selbstverständlich ist das nicht. Die warme Berührung von einer Hand, die dir aufhilft. Das frische Brot, das dir jemand reicht. Ein Leben im Dialog mit dem Leben, das dich umgibt.
Beten muss ich nicht lernen. Ich schließe meine Augen, falte meine Hände oder strecke sie in den Himmel. Ich halte inne oder gehe durch eine Landschaft. Ich singe oder werde still und trete ein in einen Raum, der mir näher ist, als ich mir selbst jemals kommen kann.
Manchmal formuliere ich in Worten, was mich bewegt. Das kann ein einfacher Ruf sein: Hilf mir! Oder: Wie lange noch? Oftmals bitte ich: Steh meinem Nächsten bei, seltener: Sei auch bei dem, der mir ferne rückt. Hin und wieder danke ich für einen besonderen Augenblick.
Beten kann so einfach sein und fällt doch zeitweise so schwer. Wer nimmt wahr, was mich bewegt? Wird mein Anliegen überhaupt gehört? Fragen, die oft ohne Antwort bleiben.
Beten ist nicht selbstverständlich. Darum fragten die Jünger ihren Meister: Was sollen wir beten? Jesus antwortete: „Wenn ihr betet, dann sprecht: Vater unser im Himmel…“ Seine Worte verbinden Christinnen und Christen über Zeiten und Räume hinweg. Ich bin nicht mehr alleine und darf mich mit anderen Menschen zu Gott hinwenden so wie ein Kind bei der Mutter oder dem Vater Zuflucht sucht. Durch das Gebet Jesu können wir gemeinsam für das Wichtigste in unserem Leben bitten. In der Mitte steht das tägliche Brot. Um Zuwendung in direkter und umfassender Weise geht es dabei. Um ein Leben, das von dem ersten bis zum letzten Atemzug auch so genannt werden kann. Hinter dem täglichen Brot stecken Mühe und Arbeit und eine unfassbare Güte. Karl-Heinrich Bieritz sagt in einem Gedicht: „gnädig bist du dem acker/ wirfst ihn um/ scholle für scholle/ trittst ihn mit füßen/ gnädig bist du dem samen/ mit vollen händen/ gibst du ihn fort/ läßt ihn der erde/ der sonne dem regen/ gnädig bist du der ernte/ beugst dich über die halme/ nimmst sie mit scharfem schnitt/ raffst sie zusammen/ trägst sie davon/ schlägst sie und schlägst sie/ zum brot ja gnädig bist du uns allen.“
Ein merkwürdiges Bild: unser Leben wie ein Acker, der da liegt und aufgebrochen, umgepflügt, getreten wird. Dann wird der Samen ausgesät und der Sonne, dem Regen und dem Wind überlassen. Es braucht Zeit und Geduld, bis der Halm, schließlich die Ähre wächst, die später mit scharfem Schnitt geerntet und unter Schlägen zu Mehl verarbeitet wird. Und erst unter der Hitze des Feuers entsteht das Brot, das satt macht.
So wie das Brot erst durch den Prozess zu dem wird, was es ist, so ist es auch mit uns selbst.
Ein hoher und großzügiger Einsatz steckt dahinter. Mit Freuden und Bangen ist er verbunden, mit Lust und Leid, mit tatkräftigem Handeln und geduldigem Warten. Das wird niemals selbstverständlich sein. Genau so wenig wie der Freiraum, die eigene Schuld zu benennen und die Chance, einander zu vergeben und einen Neuanfang zu wagen.
Bei dir sind all unsere Tage gezählt. Das Geschehene kommt noch einmal in Erinnerung. Was mit uns wird, steht noch dahin.
Dietrich Hannes Eibach
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Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
(2. Korinther 12, 9) So steht es auf magentafarbenem Hintergrund auf einem Lesezeichen, das die Landeskirche herausgegeben hat. Darunter ist ein Küken zu sehen, das aus einer Eierschale herausschaut. Ganz witzig! Ich habe mich gefreut und dieses Lesezeichen meiner Tochter geschenkt. „Prima,“ bedankte sie sich schelmisch, „das könnte im neuen Jahr das Motto für mein Abitur werden.“
Ich war sprachlos und stellte mir vor, wie ein vorwitziger Teenager mit nichts anderem als diesem Satz vor der Prüfungskommission erscheint. Später musste ich an meine eigenen Prüfungen im Leben denken und dieses verzweifelte Gefühl: Ich weiß nichts, ich kann nichts, ich bin nichts. Von Glaubenszuversicht keine Spur!
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ — Gut, dass dieses Christuswort auch dann gilt, wenn man am allerwenigsten damit rechnet!
Jörg Rustmeier
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Gedanken zum Wochenspruch nach dem Sonntag Okuli 2011
Wer sind die fünfzig Techniker, die im Atomkraftwerk von Fukushima trotz der massiven Verstrahlung ihre Bemühungen fortgesetzt haben, um die Reaktoren vielleicht doch noch vor einer Kernschmelze zu bewahren? In den Tagen der Angst hat sich die Hoffnung ihres Volkes, wenn nicht der ganzen Welt auf sie konzentriert.
„Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte an dem Ort sein…“ (1. Mose 18,16 f.). Mit diesem Argument hatte Abraham angefangen, mit Gott zu verhandeln, um die drohende Vernichtung abzuwenden.
Auch Abraham hörte aufmerksam zu, als ihn die bevorstehenden Katastrophenmeldungen erreichten. Er hat seinen Kopf nicht in den Sand gesteckt und ist trotzdem nicht in Panik geraten. Er ließ sich nicht von seiner Angst lähmen und ist auch nicht vor dem Geschehen davongelaufen. Er hat seinen Handlungsspielraum genutzt, solange er konnte.
„Angst ist selbstbezogen. Wenn ich Angst habe, kann ich nicht für die anderen da sein“, sagte mir ein ehemaliger Bergmann in diesen Tagen. Mehrmals auf seinem Lebensweg ist er mit den ihm anvertrauten Menschen in Todesgefahr geraten. Es war ein tiefes Vertrauen, das er plötzlich gespürt und das ihn immer wieder aus der Enge herausgeführt hat.
Angst kann uns nur vor Gefahren warnen. Wenn der Unfall geschehen ist, kann sie uns nicht mehr helfen. Was kann uns nun weiterführen? Ein realistischer Blick und ein angemessenes Handeln.
Auch im Evangelium geht es um diesen Blick und dieses Handeln, doch nun weniger in apokalyptischer und mehr in einer messianischen Perspektive wie zum Beispiel in Lukas 9, 62: „Jesus sagt: ‚Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes‘“. Solche Worte dulden keinen Widerspruch. Und doch halten wir öfter inne, um uns einen Überblick zu verschaffen. Der Blick zurück in die Vergangenheit hilft für das Verständnis der Gegenwart. Wer „Rücksicht“ nimmt, entwickelt auch eine Perspektive dafür, wohin der Weg in Zukunft führen kann.
Manchmal aber ist ein Zögern schädlich. Wer die Hand an den Pflug legt, konzentriert sich auf das Ziel und geht bewusst vorwärts. Sonst gerät der Pflug aus seiner Bahn und fängt an zu schlingern. Beim Pflügen wird die brach liegende Erde aufgebrochen. Der vom Winter hart gewordene Boden lockert auf und wird neu belebt. Was unten war, kehrt nach oben und die Nährstoffe verteilen sich. So wird der Boden vorbereitet, um die Saat aufzunehmen. Nur wer beim Pflügen in der Furche bleibt, kann danach die Frucht gleichmäßig aussäen und später reichlich ernten.
Jesus benutzt das Bild vom Pflügen als ein Gleichnis für die Schöpfungskraft des Lebens und für unsere Möglichkeiten, daran mitzuarbeiten. Darin ist ein erfolgreicher Aufbruch nur möglich, wenn ich nicht eine falsche „Rück-Sichtnahme“ vorschiebe, sondern auf das Notwendige schaue, was vor uns liegt und jetzt getan werden muss. Nur so bleibe ich im Rhythmus und auf dem Weg des Lebens.
Und das ist entscheidend. Dann erst kommt in den Blick, was die anderen machen und was um uns herum geschieht.
Hannes Eibach

St. Georg, vergoldete Holzplastik von Wilhelm Lemcke, 1928 (Foto: Bildarchiv Foto Marburg)
Über dem Eingang unserer Kirche auf der Westseite ist der heilige Georg zu sehen. Er sitzt zu Pferd, eine Lanze in der Hand und ersticht einen Drachen, der sich noch am Boden windet. Manchmal denke ich, ein martialisches Bild, und ducke mich, wenn ich darunter durchgehe.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12,21). So lautet die Jahreslosung für 2011. Georg nimmt das wörtlich und greift zur Lanze. Aber was ist meine Waffe gegen das Böse? Ich versuche es mit Fröhlichkeit, Hoffnung und mehr Geduld. Darum bitte ich für 2011.
Jörg Rustmeier

(Foto von Rolf K. Wegst)
Vor zwei Wochen war ich dabei, als die jüdische Gemeinde eine neue Torahrolle in Gebrauch nahm. Aufmerksam saß die Festgesellschaft im Landgrafensaal des Staatsarchivs und verfolgte, wie die letzten Worte in die neue Schriftrolle eingetragen wurden. Mit einem frisch geschnittenen Gänsekiel trug der Schreiber das Gemisch aus Wasser, Asche und Olivenöl auf das Pergamentblatt auf, sorgfältig darauf bedacht, keinen Fehler oder einen Fleck zu hinterlassen. Dann wäre die wertvolle Rolle nicht mehr koscher gewesen.In einem fröhlichen Zug trugen dann die jüdischen Gemeindemitglieder und die Rabbiner die neue Torahrolle unter einem Baldachin durch die Liebigstraße zur Synagoge. Immer wieder gaben sie sie sich untereinander weiter, sangen und tanzten dazu. Ich bekam den Eindruck, als handle es sich hier um ein lebendiges Wesen und hatte plötzlich das Bild von einem neugeborenen Kind vor mir. Und dieses Bild wurde noch verstärkt, als wir vor der Synagoge ankamen. Dann liefen nämlich einige Männer hinein, holten die alten Torahrollen aus dem Schrank und gingen damit der neuen Rolle zur Begrüßung entgegen. Es war eine große Freude unter der Festversammlung – so, als würde ein lang erwarteter Gast endlich ankommen. Und ich fragte mich, warum ich nicht auch so einen lebendigen Umgang mit meiner Bibel habe. Dem Wort Gottes begegne ich oft nur als einem Text zwischen zwei Buchdeckeln, über den ich mir dann den Kopf zerbrechen muss. Denken in Bänken, anstatt durch eine befreiende Ermutigung in Bewegung zu kommen. Nichts gegen das Denken, aber wie wäre es, wenn es im Zusammenhang mit der frohen Botschaft durch eine festliche Freude, durch Tanzen und Singen geweckt würde.
Und doch bin ich gerade deshalb froh, dass mich die jüdische Gemeinde an ihrem lebendigen Umgang mit dem Wort Gottes teilnehmen lässt – an dieser sprudelnden Begeisterung und der befreienden Heiterkeit. Wird hier doch deutlich, dass das Warten auf die Ankunft Gottes in dieser Welt vor allem Freude auslöst. Die Lust an der Torah steht im Mittelpunkt und nicht die Sorge, etwas falsch zu machen. Denn man missversteht die Torah, wenn man meint, dass es sich hier nur um eine Ansammlung von Verboten handelt. Sie ist vielmehr eine Wegweisung und ein Tor zur Freiheit. Sie zeigt uns, dass wir in allem ernsthaften Bemühen, uns an Gottes Wort zu halten, doch allein auf seine Gnade angewiesen sind.
Stellen Sie sich vor, es käme auf dem Berg Sinai zu folgendem Dialog:
Gott: „… und bedenke, Moses, Koche nie das Böcklein in der Milch seiner Mutter. Das ist ein Greuel.„
Moses: „Ohhhh! Du sagst also, man soll milchig und fleischig nie zusammen essen?„
Gott: “ Nein, was ich sage, ist, dass man das Böcklein nie in der Milch seiner Mutter kochen darf.„
Moses: „Oh, Herr vergebe mir meine Ignoranz. Du sagst, dass wir sechs Stunden nach dem Genuss von Fleisch warten sollen, bis wir milchig essen, damit beides nicht gleichzeitig im Magen ist?„
Gott: „Nein, Moses, hör mir zu. Ich sage, koche niemals das Böcklein in der Milch seiner Mutter.„
Moses: „Oh, Herr. Bitte richte mich nicht für meine Dummheit. Du meinst, wir sollen separates Geschirr für Milchiges und Fleischiges haben? Und wenn wir einen Fehler machen, sollen wir das Geschirr draußen verbrennen?„
Gott: „Mach was du willst, Moses …“
Dietrich Hannes Eibach

Marburger Weihnachtsmarkt (Foto: Jörg Rustmeier)
Die Adventszeit: Geschäftsleute können nicht warten, dass sie endlich beginnt, denn kaum ist Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag des Kirchenjahres vorbei, werden Läden und Weihnachtsmärkte mit ihren Ständen hektisch auf Weihnachten ausgerichtet; Kinder können nicht warten, dass sie endlich zu Ende geht und öffnen ungeduldig zum Durchhalten bis Heiligabend jeden Tag ein Türchen am Adventskalender.
Advent heißt Ankunft: Christen warten auf die Ankunft Gottes, darauf, dass er endlich in diese Welt komme; sie warten ungeduldig auf seine Gegenwart, nicht erst am Ende der Welt, sondern schon jetzt, damit Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Kälte und Gleichgültigkeit endlich ein Ende haben. Das verändert ihr Leben und macht es menschlicher!
Es gibt eine Geschichte, die von Ernst Bloch (1885 – 1977), dem großen deutschen marxistischen Philosophen erzählt wird: Es ist kurz vor dem 4. Advent. Die Studierenden verabschieden sich von ihrem Professor Bloch, bevor sie in die Weihnachtsferien fahren. Sie sagen: „Wir wünschen Ihnen schöne Weihnachten, Herr Bloch.“ Herr Professor Bloch dankt ihnen herzlich. Und dann sagt er ihnen: „Aber vergessen Sie bei allen Weihnachtsfeiern nicht: Christen leben immer im Advent!“
Jörg Rustmeier

Vater unser, arabisch (Paternosterkirche, Ölberg/Jerusalem)
Vater unser, ewiger Gott,
Du väterliche Kraft und Energie, Du Vater unseres Herrn Jesu Christi, Du Vater über alles, was Kinder heißt, Du, der Du alle unsere Vorstellungskraft übersteigst, Du unendliche Quelle, von der Licht und Kraft ausgeht – (wenn ich allein diese Anrede für mich und zu mir sprechen lassen könnte, bräuchte ich im Grunde gar nicht weiter zu beten …) …
Geheiligt werde Dein Name! Mir geht es immer zuallererst um meinen Namen, um meine Belange oder allenfalls die Namen von Verwandten und Freunden – jetzt aber stelle ich das alles zurück, und versuche, mir Deinen Namen zu vergegenwärtigen, Deine vielen Namen, die Namen, die Menschen in aller Welt Dir geben, die 99 schönsten Namen, und vor allem den Namen, den Du Dir selber gibst, Du Gott Israels, Du Gott, dessen Namen wir im Leben, Lehren und Leiden Jesu Christi erspüren, geheiligt werde Dein Name auch von mir, der ich hier sitze oder stehe, inmitten all der Namen, die mich anspringen – Dein Name, großer Gott, hilf, dass er mir wirklich etwas gilt, dass auch ich ihn heiligen darf …
Dein Reich komme, Deine Herrschaft, sie komme über mich, meinen Alltag, meine Familie, unsere Stadt! Deine Herrschaft der Liebe und des Friedens, ich flehe Dich an, lass sie nach Afghanistan kommen, in den Irak, den Vorderen Orient, setz Dich doch durch – wo bleibt denn Dein Reich! Aber segne alle Menschen, in denen etwas von Deinem Reich sichtbar wird, die Pflegekräfte in unseren Kliniken, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Marburger Tafel, die Ärzte und technischen Helfer in aller Welt – und Dank, dass Du uns nicht ersticken lässt zwischen politischen und wirtschaftlichen Interessen, sondern dass es Menschen gibt, die sich nach Dir und Deinem Reich sehnen …
Dein Wille geschehe, wo geschieht er heute, geschieht er bei mir, wo könnte, wo müsste er geschehen? Was ist überhaupt Dein Wille? Wie soll ich das Schicksal meiner Bekannten und Freunde mit Deinem Willen in Zusammenhang bringen? Was will überhaupt mein eigener Wille? Nimm doch meinen Willen in Deine Hand, dass ich will, was Du willst, Du im Himmel, lass ein bisschen Himmel werden bei uns auf Erden, lass den Himmel Deines Willens aufgehen auch über mir, über den Menschen, die mir jetzt in den Sinn kommen …
Unser tägliches Brot gib uns heute! Du gibst mir tägliches Brot, indem ich jetzt hier sitze, ein paar Minuten Zeit habe, mich auf Dich und auf mich selbst zu besinnen. Dank! Und Du gibst mir täglich Brot, ich kann heute in Marburg herumlaufen, kann einkaufen, kann planen, vielleicht treffe ich Bekannte. Ich will auch die Bettler auf der Universitätsstraße nicht übersehen, mindestens einer soll heute etwas von mir haben, ein bisschen Geld, ein paar gute Worte – lass Dein Reich kommen, heilige Deinen Namen!
Und vergib uns unsere Schuld, Du vergibst mir, bring auch mir bei, zu vergeben, und führe mich nicht in Versuchung, hilf mir standhalten, führe mich und meine Angehörigen nicht in die Versuchung von falschen Zielen, von Depression, lass wieder Strukturen in unserer Gesellschaft entstehen, die Halt bieten, statt in den Abgrund zu schleudern. Und erlöse uns von dem Bösen! Von dem Bösen, das in uns ist, das ich in mir spüre, setz dem Bösen Grenzen!
Denn Du hast die Kraft dazu, auf Dich läuft alles hinaus. Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit – und die Liebe! – in Ewigkeit!
So ist es, so soll es sein, so wird es sein – Amen!
Text von Hans-Martin Barth aus Anlass des Marburger Friedenswegs der Religionen am 25.9.2010

Foto: Jörg Rustmeier
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Friedrich Hebbel (1813 – 1863)
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