Aktuell: Anstöße

Jahreslosung 2013

Jahreslosung 2013: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebräer 13,14)

Jah­res­lo­sung 2013 — Wir haben hier keine blei­bende Stadt, son­dern die zukünf­tige suchen wir (Hebräer 13,14)

Hagia Sophia / Istan­bul (Foto und Gra­fik: Jörg Rustmeier)

Sommer

(Foto: Jörg Rustmeier)

Ich komm im Som­mer­wald daher
Und lau­sche sei­nem Weben –
Kein mensch­lich Schrei­ten trägt mich mehr,
Ein Wal­len ist’s und Schweben.

Ich bli­cke nie­der zur Blume ins Kraut,
Blick auf zur Sonn in die Höhe –
Wie aus dem Klei­nen das Große sich baut:
Gehei­ligt ist, was ich sehe!

Klar wird’s in mir und seher­hell –
Wie meine Sinne lau­schen,
Klingt in mich ein, was leis der Quell,
Was Grä­ser und Bäume rauschen,

Hör ich das krei­sende Blut der Natur
Durch Erden und Wel­ten wal­len,
Hör ich durch alle Krea­tur
Den  e i n e n  Herz­schlag hallen.

Fer­di­nand Ernst Albert Ave­na­rius (1856 – 1923)
Aus der Samm­lung Jahrbuch

Wir wün­schen allen unse­ren Gäs­ten und Mit­ar­bei­te­rIn­nen schöne und erhol­same Sommerferien.

Uni­ver­si­täts­kir­chen­ge­meinde Marburg

Leben aus deiner Hand“

Gedan­ken zum Sonn­tag Septuagesimä

Wozu beten? Damit uns nichts selbst­ver­ständ­lich wird. Selbst­ver­ständ­lich ist nur das Nichts.“ So schreibt Kurt Marti im hohen Alter. Einer, der weiß, wovon er spricht. Er hat seine geliebte Lebens­part­ne­rin ver­lo­ren. Er nimmt den Abbau sei­ner geis­ti­gen und kör­per­li­chen Kräfte wahr. Er kennt den bit­te­ren Gedan­ken, dass in die­ser Welt für ihn nichts mehr bleibt, was noch lohnt zu bleiben.

Doch mit­ten in der Nacht ent­steht die Sehn­sucht nach den ers­ten Anzei­chen der Mor­gen­röte. Hilde Domin ermu­tigt: „Nicht müde wer­den, son­dern dem Wun­der leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“

Die Baum­knospe am kah­len Ast, die her­vor­bre­chen­den Licht­strah­len hin­ter den dunk­len Wol­ken, das Lächeln in einem frem­den Gesicht. Selbst­ver­ständ­lich ist das nicht. Die warme Berüh­rung von einer Hand, die dir auf­hilft. Das fri­sche Brot, das dir jemand reicht. Ein Leben im Dia­log mit dem Leben, das dich umgibt.

Beten muss ich nicht ler­nen. Ich schließe meine Augen, falte meine Hände oder stre­cke sie in den Him­mel. Ich halte inne oder gehe durch eine Land­schaft. Ich singe oder werde still und trete ein in einen Raum, der mir näher ist, als ich mir selbst jemals kom­men kann.

Manch­mal for­mu­liere ich in Wor­ten, was mich bewegt. Das kann ein ein­fa­cher Ruf sein: Hilf mir! Oder: Wie lange noch? Oft­mals bitte ich: Steh mei­nem Nächs­ten bei, sel­te­ner: Sei auch bei dem, der mir ferne rückt. Hin und wie­der danke ich für einen beson­de­ren Augenblick.

Beten kann so ein­fach sein und fällt doch zeit­weise so schwer. Wer nimmt wahr, was mich bewegt? Wird mein Anlie­gen über­haupt gehört? Fra­gen, die oft ohne Ant­wort bleiben.

Beten ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Darum frag­ten die Jün­ger ihren Meis­ter: Was sol­len wir beten? Jesus ant­wor­tete: „Wenn ihr betet, dann sprecht: Vater unser im Him­mel…“ Seine Worte ver­bin­den Chris­tin­nen und Chris­ten über Zei­ten und Räume hin­weg. Ich bin nicht mehr alleine und darf mich mit ande­ren Men­schen zu Gott hin­wen­den so wie ein Kind bei der Mut­ter oder dem Vater Zuflucht sucht. Durch das Gebet Jesu kön­nen wir gemein­sam für das Wich­tigste in unse­rem Leben bit­ten. In der Mitte steht das täg­li­che Brot. Um Zuwen­dung in direk­ter und umfas­sen­der Weise geht es dabei. Um ein Leben, das von dem ers­ten bis zum letz­ten Atem­zug auch so genannt wer­den kann. Hin­ter dem täg­li­chen Brot ste­cken Mühe und Arbeit und eine unfass­bare Güte. Karl-Heinrich Bie­ritz sagt in einem Gedicht: „gnä­dig bist du dem acker/ wirfst ihn um/ scholle für scholle/ trittst ihn mit füßen/ gnä­dig bist du dem samen/ mit vol­len händen/ gibst du ihn fort/ läßt ihn der erde/ der sonne dem regen/ gnä­dig bist du der ernte/ beugst dich über die halme/ nimmst sie mit schar­fem schnitt/ raffst sie zusammen/ trägst sie davon/ schlägst sie und schlägst sie/ zum brot ja gnä­dig bist du uns allen.“

Ein merk­wür­di­ges Bild: unser Leben wie ein Acker, der da liegt und auf­ge­bro­chen, umge­pflügt, getre­ten wird. Dann wird der Samen aus­ge­sät und der Sonne, dem Regen und dem Wind über­las­sen. Es braucht Zeit und Geduld, bis der Halm, schließ­lich die Ähre wächst, die spä­ter mit schar­fem Schnitt geern­tet und unter Schlä­gen zu Mehl ver­ar­bei­tet wird. Und erst unter der Hitze des Feu­ers ent­steht das Brot, das satt macht.

So wie das Brot erst durch den Pro­zess zu dem wird, was es ist, so ist es auch mit uns selbst.

Ein hoher und groß­zü­gi­ger Ein­satz steckt dahin­ter. Mit Freu­den und Ban­gen ist er ver­bun­den, mit Lust und Leid, mit tat­kräf­ti­gem Han­deln und gedul­di­gem War­ten. Das wird nie­mals selbst­ver­ständ­lich sein. Genau so wenig wie der Frei­raum, die eigene Schuld zu benen­nen und die Chance, ein­an­der zu ver­ge­ben und einen Neu­an­fang zu wagen.

Bei dir sind all unsere Tage gezählt. Das Gesche­hene kommt noch ein­mal in Erin­ne­rung. Was mit uns wird, steht noch dahin.

Diet­rich Han­nes Eibach

Jahreslosung 2012
Jesus Chris­tus spricht: Meine Kraft ist in den Schwa­chen mäch­tig.
(2. Korin­ther 12, 9)
So steht es auf magen­ta­far­be­nem Hin­ter­grund auf einem Lese­zei­chen, das die Lan­des­kir­che her­aus­ge­ge­ben hat. Dar­un­ter ist ein Küken zu sehen, das aus einer Eier­schale her­aus­schaut. Ganz wit­zig! Ich habe mich gefreut und die­ses Lese­zei­chen mei­ner Toch­ter geschenkt. „Prima,“ bedankte sie sich schel­misch, „das könnte im neuen Jahr das Motto für mein Abitur werden.“
Ich war sprach­los und stellte mir vor, wie ein vor­wit­zi­ger Teen­ager mit nichts ande­rem als die­sem Satz vor der Prü­fungs­kom­mis­sion erscheint. Spä­ter musste ich an meine eige­nen Prü­fun­gen im Leben den­ken und die­ses ver­zwei­felte Gefühl: Ich weiß nichts, ich kann nichts, ich bin nichts. Von Glau­bens­zu­ver­sicht keine Spur!
„Meine Kraft ist in den Schwa­chen mäch­tig.“ — Gut, dass die­ses Chris­tus­wort auch dann gilt, wenn man am aller­we­nigs­ten damit rechnet!
Jörg Rust­meier
Wenn nicht jetzt, wann dann?

Gedan­ken zum Wochen­spruch nach dem Sonn­tag Okuli 2011

Wer sind die fünf­zig Tech­ni­ker, die im Atom­kraft­werk von Fukus­hima trotz der mas­si­ven Ver­strah­lung ihre Bemü­hun­gen fort­ge­setzt haben, um die Reak­to­ren viel­leicht doch noch vor einer Kern­schmelze zu bewah­ren? In den Tagen der Angst hat sich die Hoff­nung ihres Vol­kes, wenn nicht der gan­zen Welt auf sie konzentriert.

Es könn­ten viel­leicht fünf­zig Gerechte an dem Ort sein…“ (1. Mose 18,16 f.). Mit die­sem Argu­ment hatte Abra­ham ange­fan­gen, mit Gott zu ver­han­deln, um die dro­hende Ver­nich­tung abzuwenden.

Auch Abra­ham hörte auf­merk­sam zu, als ihn die bevor­ste­hen­den Kata­stro­phen­mel­dun­gen erreich­ten. Er hat sei­nen Kopf nicht in den Sand gesteckt und ist trotz­dem nicht in Panik gera­ten. Er ließ sich nicht von sei­ner Angst läh­men und ist auch nicht vor dem Gesche­hen davon­ge­lau­fen. Er hat sei­nen Hand­lungs­spiel­raum genutzt, solange er konnte.

Angst ist selbst­be­zo­gen. Wenn ich Angst habe, kann ich nicht für die ande­ren da sein“, sagte mir ein ehe­ma­li­ger Berg­mann in die­sen Tagen. Mehr­mals auf sei­nem Lebens­weg ist er mit den ihm anver­trau­ten Men­schen in Todes­ge­fahr gera­ten. Es war ein tie­fes Ver­trauen, das er plötz­lich gespürt und das ihn immer wie­der aus der Enge her­aus­ge­führt hat.

Angst kann uns nur vor Gefah­ren war­nen. Wenn der Unfall gesche­hen ist, kann sie uns nicht mehr hel­fen. Was kann uns nun wei­ter­füh­ren? Ein rea­lis­ti­scher Blick und ein ange­mes­se­nes Handeln.

Auch im Evan­ge­lium geht es um die­sen Blick und die­ses Han­deln, doch nun weni­ger in apo­ka­lyp­ti­scher und mehr in einer mes­sia­ni­schen Per­spek­tive wie zum Bei­spiel in Lukas 9, 62: „Jesus sagt: ‚Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Got­tes‘“. Sol­che Worte dul­den kei­nen Wider­spruch. Und doch hal­ten wir öfter inne, um uns einen Über­blick zu ver­schaf­fen. Der Blick zurück in die Ver­gan­gen­heit hilft für das Ver­ständ­nis der Gegen­wart. Wer „Rück­sicht“ nimmt, ent­wi­ckelt auch eine Per­spek­tive dafür, wohin der Weg in Zukunft füh­ren kann.

Manch­mal aber ist ein Zögern schäd­lich. Wer die Hand an den Pflug legt, kon­zen­triert sich auf das Ziel und geht bewusst vor­wärts. Sonst gerät der Pflug aus sei­ner Bahn und fängt an zu schlin­gern. Beim Pflü­gen wird die brach lie­gende Erde auf­ge­bro­chen. Der vom Win­ter hart gewor­dene Boden lockert auf und wird neu belebt. Was unten war, kehrt nach oben und die Nähr­stoffe ver­tei­len sich. So wird der Boden vor­be­rei­tet, um die Saat auf­zu­neh­men. Nur wer beim Pflü­gen in der Fur­che bleibt, kann danach die Frucht gleich­mä­ßig aus­säen und spä­ter reich­lich ernten.

Jesus benutzt das Bild vom Pflü­gen als ein Gleich­nis für die Schöp­fungs­kraft des Lebens und für unsere Mög­lich­kei­ten, daran mit­zu­ar­bei­ten. Darin ist ein erfolg­rei­cher Auf­bruch nur mög­lich, wenn ich nicht eine fal­sche „Rück-Sichtnahme“ vor­schiebe, son­dern auf das Not­wen­dige schaue, was vor uns liegt und jetzt getan wer­den muss. Nur so bleibe ich im Rhyth­mus und auf dem Weg des Lebens.

Und das ist ent­schei­dend. Dann erst kommt in den Blick, was die ande­ren machen und was um uns herum geschieht.

Han­nes Eibach

Lass dich nicht vom Bösen überwinden…“

St. Georg, ver­gol­dete Holz­plas­tik von Wil­helm Lem­cke, 1928 (Foto: Bild­ar­chiv Foto Marburg)

Über dem Ein­gang unse­rer Kir­che auf der West­seite ist der hei­lige Georg zu sehen. Er sitzt zu Pferd, eine Lanze in der Hand und ersticht einen Dra­chen, der sich noch am Boden win­det. Manch­mal denke ich, ein mar­tia­li­sches Bild, und ducke mich, wenn ich dar­un­ter durchgehe.

Lass dich nicht vom Bösen über­win­den, son­dern über­winde das Böse mit Gutem“ (Röm 12,21). So lau­tet die Jah­res­lo­sung für 2011. Georg nimmt das wört­lich und greift zur Lanze. Aber was ist meine Waffe gegen das Böse? Ich ver­su­che es mit Fröh­lich­keit, Hoff­nung und mehr Geduld. Darum bitte ich für 2011.

Jörg Rust­meier

Bereitet dem Herrn den Weg“ (Jesaja 40,3) — 3. Advent

(Foto von Rolf K. Wegst)

Vor zwei Wochen war ich dabei, als die jüdi­sche Gemeinde eine neue Tor­ah­rolle in Gebrauch nahm. Auf­merk­sam saß die Fest­ge­sell­schaft im Land­gra­fen­saal des Staats­ar­chivs und ver­folgte, wie die letz­ten Worte in die neue Schrift­rolle ein­ge­tra­gen wur­den. Mit einem frisch geschnit­te­nen Gän­se­kiel trug der Schrei­ber das Gemisch aus Was­ser, Asche und Oli­venöl auf das Per­ga­ment­blatt auf, sorg­fäl­tig dar­auf bedacht, kei­nen Feh­ler oder einen Fleck zu hin­ter­las­sen. Dann wäre die wert­volle Rolle nicht mehr koscher gewesen.In einem fröh­li­chen Zug tru­gen dann die jüdi­schen Gemein­de­mit­glie­der und die Rab­bi­ner die neue Tor­ah­rolle unter einem Bal­da­chin durch die Lie­big­straße zur Syn­agoge. Immer wie­der gaben sie sie sich unter­ein­an­der wei­ter, san­gen und tanz­ten dazu. Ich bekam den Ein­druck, als handle es sich hier um ein leben­di­ges Wesen und hatte plötz­lich das Bild von einem neu­ge­bo­re­nen Kind vor mir. Und die­ses Bild wurde noch ver­stärkt, als wir vor der Syn­agoge anka­men. Dann lie­fen näm­lich einige Män­ner hin­ein, hol­ten die alten Tor­ah­rol­len aus dem Schrank und gin­gen damit der neuen Rolle zur Begrü­ßung ent­ge­gen. Es war eine große Freude unter der Fest­ver­samm­lung – so, als würde ein lang erwar­te­ter Gast end­lich ankom­men. Und ich fragte mich, warum ich nicht auch so einen leben­di­gen Umgang mit mei­ner Bibel habe. Dem Wort Got­tes begegne ich oft nur als einem Text zwi­schen zwei Buch­de­ckeln, über den ich mir dann den Kopf zer­bre­chen muss. Den­ken in Bän­ken, anstatt durch eine befrei­ende Ermu­ti­gung in Bewe­gung zu kom­men. Nichts gegen das Den­ken, aber wie wäre es, wenn es im Zusam­men­hang mit der fro­hen Bot­schaft durch eine fest­li­che Freude, durch Tan­zen und Sin­gen geweckt würde.

Und doch bin ich gerade des­halb froh, dass mich die jüdi­sche Gemeinde an ihrem leben­di­gen Umgang mit dem Wort Got­tes teil­neh­men lässt – an die­ser spru­deln­den Begeis­te­rung und der befrei­en­den Hei­ter­keit. Wird hier doch deut­lich, dass das War­ten auf die Ankunft Got­tes in die­ser Welt vor allem Freude aus­löst. Die Lust an der Torah steht im Mit­tel­punkt und nicht die Sorge, etwas falsch zu machen. Denn man miss­ver­steht die Torah, wenn man meint, dass es sich hier nur um eine Ansamm­lung von Ver­bo­ten han­delt. Sie ist viel­mehr eine Weg­wei­sung und ein Tor zur Frei­heit. Sie zeigt uns, dass wir in allem ernst­haf­ten Bemü­hen, uns an Got­tes Wort zu hal­ten, doch allein auf seine Gnade ange­wie­sen sind.

Stel­len Sie sich vor, es käme auf dem Berg Sinai zu fol­gen­dem Dia­log:
Gott: „… und bedenke, Moses, Koche nie das Böck­lein in der Milch sei­ner Mut­ter. Das ist ein Greuel.„
Moses: „Ohhhh! Du sagst also, man soll mil­chig und flei­schig nie zusam­men essen?„
Gott: “ Nein, was ich sage, ist, dass man das Böck­lein nie in der Milch sei­ner Mut­ter kochen darf.„
Moses: „Oh, Herr ver­gebe mir meine Igno­ranz. Du sagst, dass wir sechs Stun­den nach dem Genuss von Fleisch war­ten sol­len, bis wir mil­chig essen, damit bei­des nicht gleich­zei­tig im Magen ist?„
Gott: „Nein, Moses, hör mir zu. Ich sage, koche nie­mals das Böck­lein in der Milch sei­ner Mut­ter.„
Moses: „Oh, Herr. Bitte richte mich nicht für meine Dumm­heit. Du meinst, wir sol­len sepa­ra­tes Geschirr für Mil­chi­ges und Flei­schi­ges haben? Und wenn wir einen Feh­ler machen, sol­len wir das Geschirr drau­ßen ver­bren­nen?„
Gott: „Mach was du willst, Moses …“

Diet­rich Han­nes Eibach

Gedanken zum Advent

Mar­bur­ger Weih­nachts­markt (Foto: Jörg Rustmeier)

Die Advents­zeit: Geschäfts­leute kön­nen nicht war­ten, dass sie end­lich beginnt, denn kaum ist Ewig­keits­sonn­tag, der letzte Sonn­tag des Kir­chen­jah­res vor­bei, wer­den Läden und Weih­nachts­märkte mit ihren Stän­den hek­tisch auf Weih­nach­ten aus­ge­rich­tet; Kin­der kön­nen nicht war­ten, dass sie end­lich zu Ende geht und öff­nen unge­dul­dig zum Durch­hal­ten bis Hei­lig­abend jeden Tag ein Tür­chen am Adventskalender.

Advent heißt Ankunft: Chris­ten war­ten auf die Ankunft Got­tes, dar­auf, dass er end­lich in diese Welt komme; sie war­ten unge­dul­dig auf seine Gegen­wart, nicht erst am Ende der Welt, son­dern schon jetzt, damit Unfrei­heit, Unge­rech­tig­keit, Kälte und Gleich­gül­tig­keit end­lich ein Ende haben. Das ver­än­dert ihr Leben und macht es menschlicher!

Es gibt eine Geschichte, die von Ernst Bloch (1885 – 1977), dem gro­ßen deut­schen mar­xis­ti­schen Phi­lo­so­phen erzählt wird: Es ist kurz vor dem 4. Advent. Die Stu­die­ren­den ver­ab­schie­den sich von ihrem Pro­fes­sor Bloch, bevor sie in die Weih­nachts­fe­rien fah­ren. Sie sagen: „Wir wün­schen Ihnen schöne Weih­nach­ten, Herr Bloch.“ Herr Pro­fes­sor Bloch dankt ihnen herz­lich. Und dann sagt er ihnen: „Aber ver­ges­sen Sie bei allen Weih­nachts­fei­ern nicht: Chris­ten leben immer im Advent!“

Jörg Rust­meier

Vater unser, ewiger Gott

Vater unser, arabisch (Paternosterkirche, Ölberg/Jerusalem)

Vater unser, ara­bisch (Pater­nos­ter­kir­che, Ölberg/Jerusalem)

Vater unser, ewi­ger Gott,

Du väter­li­che Kraft und Ener­gie, Du Vater unse­res Herrn Jesu Christi, Du Vater über alles, was Kin­der heißt, Du, der Du alle unsere Vor­stel­lungs­kraft über­steigst, Du unend­li­che Quelle, von der Licht und Kraft aus­geht – (wenn ich allein diese Anrede für mich und zu mir spre­chen las­sen könnte, bräuchte ich im Grunde gar nicht wei­ter zu beten …) …

Gehei­ligt werde Dein Name! Mir geht es immer zual­ler­erst um mei­nen Namen, um meine Belange oder allen­falls die Namen von Ver­wand­ten und Freun­den – jetzt aber stelle ich das alles zurück, und ver­su­che, mir Dei­nen Namen zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, Deine vie­len Namen, die Namen, die Men­schen in aller Welt Dir geben, die 99 schöns­ten Namen, und vor allem den Namen, den Du Dir sel­ber gibst, Du Gott Isra­els, Du Gott, des­sen Namen wir im Leben, Leh­ren und Lei­den Jesu Christi erspü­ren, gehei­ligt werde Dein Name auch von mir, der ich hier sitze oder stehe, inmit­ten all der Namen, die mich ansprin­gen – Dein Name, gro­ßer Gott, hilf, dass er mir wirk­lich etwas gilt, dass auch ich ihn hei­li­gen darf …

Dein Reich komme, Deine Herr­schaft, sie komme über mich, mei­nen All­tag, meine Fami­lie, unsere Stadt! Deine Herr­schaft der Liebe und des Frie­dens, ich flehe Dich an, lass sie nach Afgha­nis­tan kom­men, in den Irak, den Vor­de­ren Ori­ent, setz Dich doch durch – wo bleibt denn Dein Reich! Aber segne alle Men­schen, in denen etwas von Dei­nem Reich sicht­bar wird, die Pfle­ge­kräfte in unse­ren Kli­ni­ken, die ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter der Mar­bur­ger Tafel, die Ärzte und tech­ni­schen Hel­fer in aller Welt – und Dank, dass Du uns nicht ersti­cken lässt zwi­schen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen, son­dern dass es Men­schen gibt, die sich nach Dir und Dei­nem Reich sehnen …

Dein Wille geschehe, wo geschieht er heute, geschieht er bei mir, wo könnte, wo müsste er gesche­hen? Was ist über­haupt Dein Wille? Wie soll ich das Schick­sal mei­ner Bekann­ten und Freunde mit Dei­nem Wil­len in Zusam­men­hang brin­gen? Was will über­haupt mein eige­ner Wille? Nimm doch mei­nen Wil­len in Deine Hand, dass ich will, was Du willst, Du im Him­mel, lass ein biss­chen Him­mel wer­den bei uns auf Erden, lass den Him­mel Dei­nes Wil­lens auf­ge­hen auch über mir, über den Men­schen, die mir jetzt in den Sinn kommen …

Unser täg­li­ches Brot gib uns heute! Du gibst mir täg­li­ches Brot, indem ich jetzt hier sitze, ein paar Minu­ten Zeit habe, mich auf Dich und auf mich selbst zu besin­nen. Dank! Und Du gibst mir täg­lich Brot, ich kann heute in Mar­burg her­um­lau­fen, kann ein­kau­fen, kann pla­nen, viel­leicht treffe ich Bekannte. Ich will auch die Bett­ler auf der Uni­ver­si­täts­straße nicht über­se­hen, min­des­tens einer soll heute etwas von mir haben, ein biss­chen Geld, ein paar gute Worte – lass Dein Reich kom­men, hei­lige Dei­nen Namen!

Und ver­gib uns unsere Schuld, Du ver­gibst mir, bring auch mir bei, zu ver­ge­ben, und führe mich nicht in Ver­su­chung, hilf mir stand­hal­ten, führe mich und meine Ange­hö­ri­gen nicht in die Ver­su­chung von fal­schen Zie­len, von Depres­sion, lass wie­der Struk­tu­ren in unse­rer Gesell­schaft ent­ste­hen, die Halt bie­ten, statt in den Abgrund zu schleu­dern. Und erlöse uns von dem Bösen! Von dem Bösen, das in uns ist, das ich in mir spüre, setz dem Bösen Grenzen!

Denn Du hast die Kraft dazu, auf Dich läuft alles hin­aus. Dein ist das Reich und die Kraft und die Herr­lich­keit – und die Liebe! – in Ewigkeit!

So ist es, so soll es sein, so wird es sein – Amen!

Text von Hans-Martin Barth aus Anlass des Mar­bur­ger Frie­dens­wegs der Reli­gio­nen am 25.9.2010

Herbstbild

Foto: Jörg Rustmeier

Dies ist ein Herbst­tag, wie ich kei­nen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und den­noch fal­len raschelnd, fern und nah,
Die schöns­ten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie sel­ber hält;
Denn heute löst sich von den Zwei­gen nur,
Was vor dem mil­den Strahl der Sonne fällt.

Fried­rich Heb­bel (1813 – 1863)

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