Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schen­ke euch ein neu­es Herz und lege einen neu­en Geist in euch. (Ez 36,26)

Der Jour­na­list Antoi­ne Lei­ris hat bei den Paris-Anschlä­gen (am 13. Novem­ber 2015) sei­ne Frau ver­lo­ren, die Mut­ter sei­nes 17 Mona­te alten Soh­nes. In einem bewe­gen­den Brief erklärt er den Mör­dern, wes­halb er sie nicht hasst.

„Am Frei­tag­abend habt Ihr mir das Leben eines außer­ge­wöhn­li­chen Men­schen geraubt, die Lie­be mei­nes Lebens, die Mut­ter mei­nes Soh­nes, aber mei­nen Hass, den bekommt Ihr nicht. Ich weiß nicht, wer Ihr seid, und ich will es auch gar nicht wis­sen, denn Ihr seid tote See­len. Wenn die­ser Gott, für den Ihr so blind mor­det, Euch nach sei­nem Eben­bild erschaf­fen hat, dann hat jede Kugel im Leib mei­ner Frau auch sein Herz ver­letzt.

Des­halb nein, ich wer­de Euch jetzt nicht das Geschenk machen, Euch zu has­sen. Sicher, Ihr habt es gen­au dar­auf ange­legt – doch auf die­sen Hass mit Wut zu ant­wor­ten, das hie­ße, sich der­sel­ben Igno­ranz zu erge­ben, die aus Euch das gemacht hat, was Ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich mei­ne Mit­bür­ger mit Arg­wohn betrach­te und mei­ne Frei­heit für mei­ne Sicher­heit opfe­re. Ver­ges­st es. Ich bin und blei­be der, der ich war.

Ich habe sie heu­te Mor­gen gese­hen. End­li­ch, nach Tagen und Näch­ten des War­tens. Sie war noch genauso schön wie Frei­tag­abend, als sie los­ging, genauso schön wie damals, vor über 12 Jah­ren, als ich mich unsterb­li­ch in sie ver­lieb­te. Natür­li­ch bin ich vor Kum­mer fast am Ende, die­sen klei­nen Sieg geste­he ich Euch zu, aber das wird nicht lan­ge dau­ern. Ich weiß, sie wird mich jeden Tag beglei­ten und dass wir uns im Para­dies der frei­en See­len wie­der­se­hen wer­den – in eben dem Para­dies, zu dem Ihr nie­mals Zutritt haben wer­det.

Wir sind zu zweit, mein Sohn und ich, aber wir sind stär­ker als alle Arme­en die­ser Welt. Ich habe auch nicht mehr viel Zeit für Euch, denn ich muss zu Mel­vil gehen, der gera­de aus sei­nem Nach­mit­tags­schlaf erwacht. Er ist noch nicht ein­mal 17 Mona­te alt, er wird jetzt eine Klei­nig­keit essen wie jeden Nach­mit­tag, und dann wer­den wir mit­ein­an­der spie­len, auch wie jeden Tag, und die­ser klei­ne Jun­ge wird für Euch sein Leben lang ein Affront sein, weil er glück­li­ch sein wird und frei. Denn, nein, auch sei­nen Hass wer­det Ihr nie bekom­men.“

Antoi­ne Lei­ris, ist Jour­na­list bei Fran­ce Bleu, dem Regio­nal­sen­der von Radio Fran­ce. Die­sen offe­nen Brief ver­öf­fent­lich­te er am Mon­tag­nach­mit­tag (16.11.2015) auf Face­book. Am Vor­mit­tag hat­te er die Lei­che sei­ner Frau Hélè­ne Muyal-Lei­ris iden­ti­fi­ziert. Die 35 Jah­re alte Mas­ken­bild­ne­rin war am Frei­tag (13.11.) bei dem Ter­ror­an­schlag auf das Bat­a­clan ermor­det wor­den. Der Text wur­de inzwi­schen mehr als 180.000 Mal geteilt. Die Zei­tung „Le Mon­de“ ver­öf­fent­lich­te ihn am Diens­tag (17.11.) auf ihrer Titel­sei­te.

(Foto: Son­ja Mahr / pixelio.de)

 

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