Archiv: August 2016

Sommerzeit

Altarwiese

Altar­wie­se“ von Gabi Erne (Foto: Andrea Saalbach)

Hilf mir und seg­ne mei­nen Geist
mit Segen, der vom Him­mel fleußt,
dass ich dir ste­tig blühe;
gib, dass der Som­mer dei­ner Gnad
in mei­ner See­le früh und spat
viel Glau­bens­früch­te ziehe.
Paul Ger­hardt (1607–1676)
Nacht der Kunst 2016: Ein Ausflug ins GRÜNE

Vogel­zwit­schern, das lei­se Rau­schen eines Baches, eine Kräu­ter- und Blu­men­wie­se – sicher nicht die ers­ten Asso­zia­tio­nen beim Gedan­ken an einen Kir­chen­raum! Die Instal­la­tio­nen der Künst­le­rin Gabi Erne ver­lieh den Besu­chen­den der Uni­ver­si­täts­kir­che zur dies­jäh­ri­gen „Nacht der Kunst“ eine „Erfri­schung“. Zwei Tage spä­ter wur­den sie Teil eines Got­tes­diens­tes, der u.a. von Theo­lo­gie­stu­die­ren­den und Pfar­re­rin Andrea Wöl­len­stein mit der Künst­le­rin vor­be­rei­tet wor­den war. Grün als Sym­bol für die Hoff­nung sticht unter allen Far­ben her­vor. Im Islam ist es die Far­be Moham­meds und im christ­li­chen Kir­chen­jahr die Far­be der Tri­ni­ta­tis­zeit. Wäh­rend des Got­tes­diens­tes fer­tig­te Gabi Erne unter Mit­hil­fe von Celi­ca Fitz im Altar­raum ein wei­te­res Kunst­werk an. Andrea Wöl­len­stein ent­fal­te­te in ihrer Pre­digt die zen­tra­le Rol­le der Far­be Grün im Den­ken und Wir­ken der mit­tel­al­ter­li­chen Mys­ti­ke­rin Hil­de­gard von Bin­gen: „Es gibt eine Kraft aus der Ewig­keit und die­se Kraft ist grün. Aus lich­tem Grün sind Him­mel und Erde geschaf­fen und alle Schön­heit der Welt.“ Aus den vie­len bibli­schen Stel­len, in denen das Grü­ne vor­kommt, hob sie Psalm 23 her­vor. Ohne die Pflicht etwas zu leis­ten, dür­fen wir mit wachem Sinn die Freund­lich­keit Got­tes genie­ßen, so Wöl­len­stein. Im Anschluss wur­de die Gemein­de zu einem Aus­flug ins „Grü­ne“ ein­ge­la­den und konn­te sich am gras- und blu­men­be­wach­se­nen Altar erfreu­en. (Fotos: Andrea Saalbach)

Die (etwas) andere Pfarrkirche Marburgs

Lemberg Universitätskirche

Zur Geschich­te der Uni­ver­si­täts­kir­che von Mar­gret Lemberg

Aus dem Mar­bur­ger Stadt­bild ist sie nicht weg­zu­den­ken, doch nur weni­ge ken­nen sie wirk­lich. Auch die im Mai 2015 ver­stor­be­ne His­to­ri­ke­rin Mar­gret Lem­berg mach­te bei ihren For­schun­gen zur Uni­ver­si­täts­kir­che im Staats­ar­chiv Mar­burg über­ra­schen­de Ent­de­ckun­gen. Ihr letz­tes, mit Bil­dern reich aus­ge­stat­te­te Buch zeich­net die wech­sel­vol­le Bau- und Gemein­de­ge­schich­te detail­liert nach.

Um 1300 began­nen die Domi­ni­ka­ner mit dem Bau des hohen Cho­res der Kir­che über der Lahn. Die bei­den Klös­ter der Domi­ni­ka­ner und der Bar­fü­ßer (Fran­zis­ka­ner) bil­de­ten wich­ti­ge Eck­punk­te der Stadt­be­fes­ti­gung. Kir­chen­ge­bäu­de durf­ten näm­lich nicht ange­grif­fen wer­den. Inter­es­san­ter­wei­se – so schil­dert es Mar­gret Lem­berg – wur­den schon am Ende des Mit­tel­al­ters die Theo­lo­gen (der spä­te­ren Uni­ver­si­täts­kir­che) von den zum Deut­schen Orden gehö­ren­den Geist­li­chen der Pfarr- und der Eli­sa­beth­kir­che als Kon­kur­renz ange­se­hen. Denn sie gin­gen bei ihrer Gemein­de­ar­beit durch­aus neue Wege und hat­ten Erfolg bei der Mar­bur­ger Bevölkerung.

Eine Klos­ter­kir­che wird Übungs­raum und Kornspeicher

Mit der Auf­lö­sung der Klös­ter im Zuge der Refor­ma­ti­on stan­den die ver­schie­de­nen Kon­vents­ge­bäu­de in der Stadt nun der 1527 gegrün­de­ten Lan­des­uni­ver­si­tät zur Ver­fü­gung: das Domi­ni­ka­ner­klos­ter den Juris­ten und dem Gym­na­si­um Phil­ip­pinum, das Anwe­sen der Kugel­herrn den (evan­ge­li­schen) Uni­ver­si­täts­theo­lo­gen und das Bar­fü­ßer­klos­ter den Medi­zi­nern und Phi­lo­so­phen. Als ers­te Uni­ver­si­täts­kir­che fun­gier­te bis 1653 die (Luthe­ri­sche) Pfarr­kir­che. Die vor­ma­li­ge Domi­ni­ka­ner­kir­che wur­de dage­gen zunächst für Übun­gen und als Lager­raum benutzt. 1578/9 wur­den Zwi­schen­de­cken und Fens­ter ein­ge­baut: Das Kir­chen­schiff dien­te in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten als land­gräf­li­cher Kornspeicher.

Wie­der­her­stel­lung als refor­mier­te Pfarr­kir­che 1658

Nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg muss­te der cal­vi­nis­ti­sche (refor­mier­te) Lan­des­herr von Kas­sel den Bestand der luthe­ri­schen Kon­fes­si­on in Ober­hes­sen aner­ken­nen. Land­graf Wil­helm VI. war es aber ein Her­zens­an­lie­gen, sei­ner eige­nen Glau­bens­rich­tung in Mar­burg eine Heim­statt zu ver­schaf­fen. Dazu ließ er 1658 die alte Domi­ni­ka­ner­kir­che wie­der­her­stel­len: nun­mehr zur Pfarr­kir­che für die refor­mier­ten Beam­ten, Offi­zie­re, Pro­fes­so­ren und Stu­den­ten. Dass ein auf­ge­ge­be­nes Kir­chen­ge­bäu­de für sei­nen ursprüng­li­chen Zweck restau­riert wur­de, hebt Lem­berg als ganz außer­ge­wöhn­lich her­vor. Bis ins 20. Jahr­hun­dert stell­te die refor­mier­te Stadt- und Uni­ver­si­täts­kir­che das kon­fes­sio­nel­le Gegen­stück zur Luthe­ri­schen Pfarr­kir­che dar, der die gro­ße Mehr­heit der ange­stamm­ten Mar­bur­ger Bevöl­ke­rung ange­hör­te. Bei­de Pfarr­kir­chen kon­kur­rier­ten eifer­süch­tig mit­ein­an­der – was sich an vie­len Strei­tig­kei­ten, etwa bei der Rege­lung „gemisch­ter“ Ehen zeig­te. Die Eli­sa­beth­kir­che als Besitz des Deut­schen Ordens war übri­gens fak­tisch Aus­land; und ein römisch-katho­li­sches Kir­chen­we­sen gab es im Land­gra­f­en­tum Hes­sen-Kas­sel nicht.

Auf­bau einer refor­mier­ten Pfarrkirchengemeinde

Wäh­rend die Luthe­ri­sche Pfarr­kir­che von ihrer Gemein­de sel­ber unter­hal­ten wur­de, erfreu­te sich die Refor­mier­te Stadt- und Uni­ver­si­täts­kir­che der Gunst des Lan­des­herrn: Er selbst ließ sie aus­stat­ten, besol­de­te ihre Pfar­rer und trug die lau­fen­den Kos­ten. Bis zur Mit­te des 18. Jahr­hun­derts erleb­te die refor­mier­te Gemein­de so einen Auf­schwung, auch durch die Zuwen­dun­gen ihrer ver­gleichs­wei­se wohl­ha­ben­den Mit­glie­der, die über­wie­gend den „höhe­ren Stän­den“ ange­hör­ten. Lem­berg zeich­net all dies mit Lie­be zum Detail und aus den Quel­len belegt nach. Das Auf­kom­men der Reli­gi­ons­kri­tik und der Ratio­na­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts führ­ten vor allem bei den Gebil­de­ten zu einer Schwä­chung der tra­di­tio­nel­len Fröm­mig­keit und des Got­tes­dienst­be­suchs. Dies traf die Uni­ver­si­täts­kir­che beson­ders. Als Ort von Säku­lar­fei­ern und Uni­ver­si­täts­ju­bi­lä­en behielt sie den­noch ihre lan­des­wei­te Bedeutung.

Neu­ge­stal­tung für die Fei­er der „Evan­ge­li­schen Messe“

Ein gera­de­zu atem­be­rau­ben­des Kapi­tel für die Uni­ver­si­täts­kir­che wur­de nach dem Ers­ten Welt­krieg auf­ge­schla­gen, als Pfar­rer Karl Bern­hard Rit­ter (1890–1968) vom Deut­schen Dom in Ber­lin nach Mar­burg kam. Der vor­ma­li­ge Land­tags­ab­ge­ord­ne­te konn­te sei­ne direk­ten Bezie­hun­gen zum preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um nut­zen, um die Reno­vie­rung der Kir­che zum Uni­ver­si­täts­ju­bi­lä­um 1927 nach sei­nen ganz eigen­tüm­li­chen Vor­stel­lun­gen durch­zu­füh­ren. Rit­ter war nomi­nell refor­miert, enga­gier­te sich aber als Mit­be­grün­der der sog. Lit­ur­gi­schen Bewe­gung. Die­ser ging es um eine Neu­be­le­bung des got­tes­dienst­li­chen und spi­ri­tu­el­len Lebens im Pro­tes­tan­tis­mus. Unter Rit­ters ener­gi­scher Lei­tung erfuhr die vor­her bild­lo­se Uni­ver­si­täts­kir­che eine radi­ka­le Neu­ge­stal­tung zu dem Raum, den wir heu­te ken­nen: mit einem gold­far­be­nen Lett­ner, der den Weg des Hei­lands von sei­ner Emp­fäng­nis bis Pfings­ten dar­stellt, und einem Hoch­kreuz über dem nun zen­tra­len Altar: Quel­le des Lebens der Gemein­de soll­te die Abend­mahls­fei­er in der Form der sog. Evan­ge­li­schen Mes­se sein. Die­se knüpft an die Mess­re­form Luthers an und inte­griert Ele­men­te der Ökumene.

Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Nationalsozialismus

Die Umge­stal­tung der Uni­ver­si­täts­kir­che führ­te des­halb wohl nicht zum Streit inner­halb der gegen­über dem cha­ris­ma­ti­schen Pfar­rer Rit­ter grund­sätz­lich auf­ge­schlos­se­nen Gemein­de, weil recht bald die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus in den Vor­der­grund trat. Die zwei Pfar­rer der Uni­ver­si­täts­kir­che gehör­ten den gegen­sätz­li­chen Grup­pie­run­gen jeweils an füh­ren­der Stel­le an: Karl Veer­hoff war „Deut­scher Christ“, Rit­ter ein Kopf der „Beken­nen­den Kir­che“ in Hes­sen. Mehr­mals wur­de Rit­ter von den Natio­nal­so­zia­lis­ten bedroht und sogar in Haft genommen.

Von der Kon­kur­renz zur bejah­ten Vielfalt

Nach 1945 gelang es unter dem nun zum Dekan ernann­ten Pfar­rer Rit­ter, die so lan­ge kon­fes­sio­nell getrenn­ten evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­den Mar­burgs zusam­men­zu­füh­ren. In der Uni­ver­si­täts­kir­che muss­te sich frei­lich erst noch – das ver­lief über Jahr­zehn­te durch­aus nicht kon­flikt­frei – das Gegen­ein­an­der meh­re­rer Strö­mun­gen zu einem Mit­ein­an­der ent­wi­ckeln. Mit Recht erspar­te sich Lem­berg die Beschrei­bung auch noch die­ser ganz eige­nen Gemeinde-Geschichte.

Und heu­te? Selbst­ver­ständ­lich fin­den wei­ter die Uni­ver­si­täts­got­tes­diens­te der renom­mier­ten theo­lo­gi­schen Fakul­tät statt. Sie sind mitt­ler­wei­le nicht mehr rein aka­de­misch geprägt, son­dern den Küns­ten und aktu­el­len poli­tisch-gesell­schaft­lich-reli­giö­sen The­men gegen­über auf­ge­schlos­sen. Bei­be­hal­ten wur­den auch die Got­tes­diens­te in der nie­der­hes­sisch-refor­mier­ten neben der von Pfar­rer Rit­ter eta­blier­ten lit­ur­gi­schen Tra­di­ti­on. Die Uni­ver­si­täts­kir­che bie­tet so das abwechs­lungs­reichs­te Got­tes­dienst­an­ge­bot aller Mar­bur­ger Kir­chen, viel­leicht sogar in ganz Hessen.

St. Jost, die Kreuz­ka­pel­le und die Orgeln

Lem­bergs Buch ist im bes­ten Sin­ne umfas­send: es stellt nicht nur die wenig bekann­te Kreuz­ka­pel­le der Uni­ver­si­täts­kir­che vor, auch die ver­schie­de­nen Orgel­bau- und Reno­vie­rungs­pro­jek­te sowie die wich­ti­ge Rol­le der Kir­chen­mu­sik wer­den beschrieben.

Sogar der viel­ge­lieb­ten St.-Jost-Kapelle im Stadt­teil Wei­den­hau­sen, die seit 1954 zur Uni­ver­si­täts­kir­che gehört, wid­met es ein eige­nes Kapi­tel. Abschlie­ßend doku­men­tie­ren anspre­chen­de Abbil­dun­gen, wie die mar­kant auf­ra­gen­de vor­ma­li­ge Domi­ni­ka­ner­kir­che die Jahr­hun­der­te hin­durch als wesent­li­cher Bestand­teil des Stadt­bil­des wahr­ge­nom­men wur­de. Das Buch sei allen Lieb­ha­bern Mar­burgs und beson­ders der Uni­ver­si­täts­kir­che mit ihren viel­fäl­tig-schö­nen Got­tes­diens­ten empfohlen.

Wolf­gang Huber (Pfar­rer an der Universitätskirche)

Mar­gret Lem­berg, Die Uni­ver­si­täts­kir­che zu Marburg
Von der Kir­che der Domi­ni­ka­ner zur refor­mier­ten Stadt- und Uni­ver­si­täts­kir­che (= Ver­öf­fent­li­chun­gen der His­to­ri­schen Kom­mis­si­on für Hes­sen 82), Mar­burg 2016
ISBN 978–3-942225–31-1 – 36 €

Gottesdienste im August 2016
04.08. Do 18:45
19:00
Orgel­ves­per
mit Abendmahl in Form der Evangelischen MesseProf. Hage
06.08. Sa 17:00 mit AbendmahlWochen­schluss­an­dacht in St. Jost
Pfar­rer Huber
07.08. So 11. nach Trinitatis Ein­la­dung zu den Gottesdiensten
in den ande­ren Mar­bur­ger Kirchen
11.08. Do 18:45
19:00
Orgel­ves­per
mit Abendmahl in Form der Evangelischen MesseHuber
12.08. Fr 10:30 Öku­me­ni­scher Gottesdienst
Alten­zen­trum St. Jakob, Auf der Wei­de 6
Pfar­re­rin Jahn
13.08. Sa 17:00 Wochen­schluss­an­dacht  in St. Jost
Pfar­rer Garscha
14.08. So 12. nach Trinitatis 11:00 Pfar­rer Garscha
18.08. Do 18:45
19:00
Orgel­ves­per
mit Abendmahl in Form der Evangelischen MessePfar­rer Huber
20.08. Sa 17:00 Wochen­schluss­an­dacht in St. Jost
Pfar­rer Huber
21.08. So 13. nach Trinitatis Ein­la­dung zu den Gottesdiensten
in den ande­ren Mar­bur­ger Kirchen
25.08. Do 18:45
19:00
Orgel­ves­per
mit Abendmahl in Form der Evangelischen MessePrä­di­kant Rustmeier
26.08. Fr 17:00 Got­tes­dienst zum Stiftungsfest
der Gemein­de Weidengrün
27.08. Sa 17:00 Wochen­schluss­an­dacht in St. Jost
Pfar­rer Huber
28.08. So 14. nach Trinitatis 11:00 Pfar­rer Huber
30.08. Di 09:00 Got­tes­dienst zum Schulanfang
in der Universitätskirche
Pfar­re­rin Simon
09:00 Got­tes­dienst zum Schulanfang
in der Kapel­le St. Jost
Pfar­rer Simon
mit Abend­mahl mit Abend­mahl in Form der Ev. Messe
mit beson­de­rer Musik anschlie­ßen­des Beisammensein

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